Es ist Samstag, der 2. Juli. Acht Freunde sitzen im Londoner Stadtteil Deptford im Garten und essen gemeinsam. Es ist so friedlich, dass man sich fühlt, als sei man auf dem Land statt in einer der größten Städte Europas. Julian fällt es auf. "Mein Gott," sagt er in die Stille hinein, "wisst ihr, was heute alles in der Stadt los ist?"

Bob Geldof hat zur Rock-Hilfe für Afrika gerufen, und 200000 Menschen sind in den Hyde Park gekommen. Direkt im Stadtzentrum auf dem Trafalgar Square treffen sich derweil die Schwulen und Lesben zu ihrem alljährlichen ausgelassenen Umzug ungezogener Andersartigkeit, bevor sie in den Bars und Nachtclubs von Soho die Nacht durchtanzen. In Wimbledon kämpfen heute die Tennisstars Venus Williams und Lindsay Davenport immer noch um den begehrten Rasentitel, und im Kricketstadion Lords schafft England gerade den unerwarteten Einstand gegen den Erzrivalen Australien. Noch was?

Noch was. Das Ukulelen-Orchester von Großbritannien feiert gerade die Kunst der kleinen Gitarre mit einem Konzert im South Bank Centre, von dem die Kritiker noch in Jahren schwärmen werden.

Eigentlich ist es also ein ganzer normaler Samstag in einem normal turbulenten Sommer in einer nicht ganz normalen Großstadt. Was Julian aber so gut gefällt, ist, dass er von all dem Trubel nichts mitbekommen hat. "Wer nicht will, der muss nicht", sagt er und nippt an seinem Wein.

London drängt sich nicht auf. In gewisser Weise ist es eine großzügige Stadt. So riesig ist sie mit ihren sieben Millionen Menschen, dass jeder alles kann, aber niemand irgendetwas muss. Für andere Städte gilt das nicht. Wer in Paris ankommt, lässt sich auf ein einziges prächtiges Konzept ein. Mit seinem spektakulären Städtebau hat Baron Hausmann in den 1860ern aus Paris ein steingewordenes Selbstbildnis der großen Nation geschaffen. Die klare architektonische Gliederung der Stadt erfüllte einst auch militärische Zwecke. Heute nimmt sie den Besucher bei der Hand und zeigt ihm, was er sehen soll.

London kann das nicht. Das Straßennetz ist wirr, jeder Stadtteil hat einen eigenen Charakter, und das macht die Stadt chaotisch, anonym, unnachgiebig und oft auch unverschämt. Es ist keine Stadt, die gut Acht gibt auf ihre Bewohner. In manchen Gegenden herrschen eine Armut und soziale Verwahrlosung, wie sie in Deutschland kaum vorstellbar sind.

Und weil die Infrastruktur zum Teil immer noch aus frühindustrieller, viktorianischer Zeit stammt, funktioniert sie oft schlecht. Nur in London schämen sich Eisenbahngesellschaften nicht, unpünktliche Vorortzüge mit "der falschen Art von Regen" zu entschuldigen – der falsche Regen fällt meist im Herbst und hinterlässt in Verbindung mit Laub einen schmierigen Film auf den Gleisen.

Das geht nur in einer Stadt durch, die sich selbst nicht maßlos ernst nimmt, die von sich selbst zurücktritt und ihren Bewohnern und Besuchern als Bühne dient. In den kommenden Tagen spielt auf dieser Bühne eine furchtbare Handlung.

Mittwoch, 6. Juli 2005

Es ist 10 Uhr morgens. Auf dem Trafalgar Square tummeln sich die üblichen Schwärme von Tauben und Touristen. Eine Stunde später strömen die ersten Olympiabegeisterten auf den Platz. Es ist der Tag der Entscheidung. Knapp zwei Stunden noch, dann wird das IOC in Singapur bekannt geben, welche Stadt im Jahr 2012 die Olympischen Spiele ausrichten darf. London hatte sich erst spät zu einer Bewerbung entschlossen und galt lange als Außenseiter. Jetzt erwarten alle einen Zweikampf mit Paris.

Zur selben Zeit fingert Dan Schultz in seinem Maklerbüro in Stratford im Osten Londons nervös an der Antenne eines Minifernsehgerätes herum, um ein besseres Bild zu bekommen. Die Entscheidung des IOC wird live übertragen, und das will er auf keinen Fall verpassen. Für Stratford geht es heute um alles oder nichts.

Die Kommune zählt zu den ärmsten im ganzen Land. Hier stehen trostlose Wohnsilos zwischen vergammelten Schloten und Industrieruinen. Der Boden ist großenteils verseucht. Bekommt London aber den Zuschlag, dann soll hier in den nächsten sieben Jahren Utopia entstehen. Ein Olympisches Dorf, über vier Quadratkilometer groß, eingebettet in die "größte urbane Parklandschaft, die je in Europa geschaffen wurde", so heißt es in der Präsentation.

Heute noch, in wenigen Stunden, könnte Dan Schultz sich mit seinem Zwei-Mann-Betrieb in eine Goldmine namens Stratford versetzt finden. "Die Hauspreise würden esplodieren", sagt er und erzählt von seiner Frau und dem ersten Kind und wie schwierig es ist, in dieser Gegend mit einer Familie zu leben.

Auf der riesigen Leinwand auf dem Trafalgar Square wird nun live nach Singapur geschaltet. Nach und nach wird das Feld der Bewerber kleiner. Als Erstes fliegt Moskau aus dem Rennen, dann New York, dann Madrid. Die Entscheidung fällt am Ende zwischen Paris und London. Knapp 20000 Menschen drängen sich jetzt auf dem Platz. Sie haben die Touristen in ihre Mitte genommen und die Tauben verdrängt. Nieselregen fällt leise vom Himmel – ein schlechtes Omen?