Keineswegs, antwortete der Landrat am vergangenen Donnerstag auf diese Frage. "Was erforderlich ist, das muss getan werden."

Aber hätte man mit den Mähdreschern nicht eine Ausnahme machen können? Immerhin erwähnt Paragraf 29 die Möglichkeit, eine "Dauererlaubnis" zu erteilen. Niemand werfe Landrat Hellmuth vor, er hätte seinen Ermessensspielraum nicht zugunsten seiner Bauern ausgeschöpft. Nur war er in diesem Fall äußerst klein. "Eine Dauererlaubnis darf nur erteilt werden", heißt es gnadenlos in Paragraf 29, "wenn polizeiliche Begleitung nicht erforderlich ist." Doch bei Fahrzeugen mit Überbreite war sie leider unumgänglich.

Ein gewisser Ermessensspielraum stand dem Landrat allerdings in finanziellen Fragen offen. So eine Blaulichteskorte verursacht schließlich Kosten; immerhin würden die eingesetzten Beamten, so steht es in der Vorschrift, mit dem Führer des Mähdreschers permanent Funkkontakt halten müssen. 50 Euro, entschied Landrat Hellmuth, seien für diesen Service keinesfalls zu viel verlangt.

Eine knappe Woche lang, immerhin, galt dieser Erlass. Dann zog unter dem Hohngelächter des Landes die Wirklichkeit im Kreise Stendal ein und fegte Landrat Hellmuths Interpretation der Straßenverkehrsordnung weg. Das Verkehrsministerium hatte ein Einsehen mit den schimpfenden Bauernführern ("Schlimmer als Hagelschlag!") und dem Protest der Polizeigewerkschaft ("Undurchführbarer Blödsinn!") und rief den Landrat milde zur Ordnung. Der Landrat, ließ Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre verkünden, sei "schon sehr streng" gewesen.

Unterdessen hat in Stendal die Klärung der Schuldfrage begonnen. Hellmuths Sprecherin verwies zunächst auf die Leiterin des Straßenverkehrsamtes – allein, sie hatte zum Zeitpunkt des Mähdreschererlasses Urlaub. Landrat Hellmuth bezichtigt nun ihren Stellvertreter, der mittlerweile seinerseits im Urlaub und darum zu einer Stellungnahme nicht in der Lage ist. Aussichtsreich ist dieses Ablenkungsmanöver ohnehin nicht. Denn die Rechtslage fasst seine Sprecherin treffend zusammen wie folgt: "Alles, was vom Landkreis kommt, kommt vom Landrat, denn der Landrat ist der Landkreis."

Der Landrat ist der Landkreis. Dies absolutistische Prinzip ist keine ostdeutsche Besonderheit, es gilt auch in einigen westlichen Ländern. Aber im Osten, wo in den Verwaltungen oftmals noch der Geist der DDR spukt, scheint es sich besonders fatal auszuwirken. Einmal im Amt, sind ostdeutsche Landräte für sieben Jahre die Fürsten ihrer Kreise, de facto unabwählbar, weil das erforderliche Quorum weit jenseits des Erreichbaren liegt. Und ihre immense Machtfülle, die aus der Leitung von Verwaltung, Kreistag und allen wichtigen Ausschüssen in Personalunion resultiert, hat gerade den neuen Bundesländern viel Ärger eingetragen. Untreue im Amt, Betrug, Korruptionsverdacht, ein zu hohes Gehalt, das nie zurückgezahlt wurde – so lauteten die Vorwürfe in einigen Ost-Kreisen.

Ein Landrat wie Hellmuth, dem man außer einem möglicherweise etwas zu pedantischen Verständnis der Straßenverkehrsordnung nichts vorwerfen kann, ist, daran gemessen, geradezu ein Segen. Und wäre da nicht der Mähdreschererlass gewesen, stünden seine Aussichten, im Dezember wiedergewählt zu werden, nicht schlecht.