Von Stefan Schmitt (ZeitWissen)

Zwischen Manhattan und New Jersey in den Holland- und Lincoln-Tunnels, im Midtown-Tunnel nach Queens und im Battery-Tunnel nach Brooklyn herrschte von Donnerstag an Funkstille. In New York wurden nach den Anschlägen von London jene Sender ausgeschaltet, die normalerweise in den vier U-Bahn-Tunnels für Handy-Empfang sorgen. "Diese Initiative haben wir für die Sicherheit und den Schutz der Öffentlichkeit ergriffen", sagte Tony Ciavolella von der zuständigen Hafenbehörde. Eine nachvollziehbare Reflexhandlung. Doch es stellt sich die grundsätzliche Frage: Sollten Mobilfunknetze als mögliche Signalwege von Bombenlegern aus dem Untergrund verbannt werden? Diese Frage ist auch für Deutschland wichtig, wenngleich die hiesigen U-Bahnen bislang nur teilweise mit entsprechenden Empfängern ausgestattet sind.Zwar scheint inzwischen festzustehen, dass die Terroristen vom vergangenen Donnerstag Selbstmordattentäter waren. Andererseits haben ihre blutigen Vorgänger von Madrid in der Tat Mobiltelefone benutzt, um in fahrenden Nahverkehrszügen ihre Bomben zu zünden.RCIED heißen diese im Sicherheitsjargon, remote-controlled improvised explosive devices – ferngesteuerter improvisierter Sprengsätze. Um ein Handy als Fernzünder zu benutzen, bedarf es nicht einmal komplizierter Eingriffe am Gerät: Reagiert der Zündmechanismus auf den Klingelton oder das Aufleuchten des Displays, dann genügen ein Anruf oder eine SMS.Wenn aber nun in den Tunnels das Netz abgeschaltet würde, was wäre dann mit Eisenbahnen und Flughäfen? Vom kommendem Jahr an soll das Telefonieren während des Fluges gestattet sein und sogar eigens technisch möglich gemacht werden. Als Dienst am Kunden.Zu gefährlich? Könnten Stadtväter gar auf die Idee kommen, belebte Plätze zu Handy-freien und damit Risiko-ärmeren Zonen zu deklarieren? Wohl kaum.Wer per Mobiltelefon töten will, muss überhaupt nichts senden oder empfangen. Praktisch jedes Handy besitzt heute eine Weckfunktion (einige auch Countdown-Zähler), deren Rappeln und Bimmeln gleichermaßen zum Zünden taugt. Damit können sogar ausgeschaltete Geräte programmiert werden, sich zum definierten Zeitpunkt anzuschalten.Am Montagnachmittag wurden die Midtown- und Battery-Tunnels in New York wieder geöffnet. "Es ist eine Abwägung, und ich denke, es ist gut aus Tunneln und U-Bahnröhren heraus kommunizieren zu können", sagt Kommissar Ray Kelly von der New Yorker Polizei (NYPD). Eine Abwägung, weil Handys als Kontakt zur Außenwelt im Ernstfall auch Leben retten können – indem in Not Geratene mit ihnen Hilfe rufen, Rettungskräften Positionen durchgeben, den Kontakt zur Außenwelt aufrecht erhalten können.Ein Antrag, den das US-Justizministerium, das FBI und das Ministerium für Heimatschutz bei der Regulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) einreichten, deutet an, wie Behörden in Zukunft auf das Dilemma zwischen Nutzung und möglichem Missbrauch der Kommunikationstechnologie Reisender umgehen werden. Das Papier wurde am Dienstag voriger Woche – also vor den Londoner Attentaten – zugestellt. Die Verfasser fordern darin, die Genehmigung von Breitband-Internetzugängen für Fluggäste an Bord von der Erfüllung folgender technischer Kriterien abhängig zu machen: 1. Der Zugang jedes einzelnen Fluggasts kann binnen zehn Minuten nach einem entsprechenden Gerichtsbeschluss abgehört werden
2. Jeder fliegende Internetnutzer muss automatisch nach Name und Sitznummer identifiziert werden können
3. Der Zugriff auf das Internet muss vom Boden aus jederzeit unterbunden werden können, entweder für einzelne Passagiere oder für alle gleichzeitig, ohne dass die Piloten beeinträchtigt werden
4. Im Krisenfall muss sich jede Kommunikation von oder zu den Passagieren umleiten lassen
5. Der Gepäckraum darf nicht im Empfangsbereich eines drahtlosen Netzes liegen, um eine denkbare Fernzündung von eingeschmuggelten Kofferbomben per WLAN-Signal zu verhindern Freiheit versus Kontrolle, Risiko versus Sicherheit: Diese Widersprüche, auch aus anderen Zusammenhängen bekannt, gehören zum Alltag der technischen Zivilisation. Genauso wie die Selbstverständlichkeit, überall ohne Strippe quasseln zu können.