Auf einigen hübschen Gruppenbildern von Literaturtagungen verschiedener Jahrzehnte, an Hausecken in Paris und New York, sind neben Claude Simon ein paar Kolleginnen und Kollegen zu sehen, Nathalie Sarraute, Beckett, Robert Pinget, Alain Robbe-Grillet. Auf dem einen Foto, Paris 1961, steht ganz links, der Kleinste, Claude Simon, und schaut irgendwie schräg nach oben, Vögeln vielleicht nach, oder als pfiffe er Vögeln, das wird es sein. Schön ist der fantastische fast oder ganz kahle oder nur wie von einem Flaum bedeckte Schädel, derselbe, den er auch auf einem Porträtfoto vom Jahr davor hat. Der Zweite von links, ziemlich weit vorn, mit einer sehr schicken dunklen Tolle, die Hände in den Taschen, im Dreiviertelprofil vor dem Betrachter vorbei nach rechts schauend, das ist Alain Robbe-Grillet. Hinter ihm, groß, die Hände in den Jackentaschen (die meisten haben die Hände in den Taschen, es scheint kalt zu sein), steht Robert Pinget, dieser wunderbare Mann, mit seinem wie immer amüsant-bösen Gesicht. Dann, neben dem halb verdeckten Jérome Lindon (Verlagsleiter der Éditions de Minuit, der sogenannte directeur littéraire dort war Robbe-Grillet), Beckett, der Aufgeschossenste, nach links blickend, nach unten, wie auf die Straße, mit diesem berühmten Profil und einer schönen Tolle auch er. Und vorn rechts, mit etwas verkniffenem Mund, und als hätte sie einen Bart, Nathalie Sarraute. Keiner scheint irgendetwas mit einem der anderen zu tun zu haben, ja beinahe zu tun haben zu wollen, jeder steht ganz für sich, aber vielleicht ist das einfach die Kälte, und womöglich haben sie es auch so verabredet.

Die Hände in den Hosentaschen, ging er allen aus dem Weg

Auf dem zweiten Foto, zwanzig Jahre danach, New York 1982, und in Farbe jetzt, stehen sie alle mit dem Rücken an einer roten Backsteinwand oder, die meisten eigentlich, vor dem großen ebenerdigen Sprossenfenster in dieser Backsteinwand, und schauen, alle jetzt, aber auch jeder wieder für sich, wieder Vögeln nach, irgendwo gegenüber, vielleicht ist da eine Tierhandlung, es scheint auch viel wärmer zu sein. Links, mit schmaler, kurzer Lederjacke und einer brennenden Zigarette in der Hand, Pinget, dann, neben Tom Bishop (einem Kritiker, der gern solche Literaturkonferenzen leitete), Simon, die Hände halb (sie ist oben sehr eng) in den Taschen seiner hellen Gabardinehose, eine dunkelbraune Jacke an, am Hinterschädel ein paar Haare oder so etwas wie ein Haarkranz, den Mund ein wenig offen, als rede er mit den Vögeln diesmal. Neben ihm, größer, ein bisschen schief, ich glaube, er schmiegt und drückt sich mit der linken Schulter in die eingelassene Fensterecke, Robbe-Grillet, wieder mit dem schönen Haar, und diesmal, nämlich damals hatte er nur einen kleinen Oberlippenbart, mit fast prächtigem Bart von den Koteletten herab (neulich habe ich ihn gesehen, eine ganze Weile lang, beim Essen saß ich ihm gegenüber, mittlerweile hat sein ganzer irgendwie grauweiß wuchernder Bart etwas leicht Verwildertes an sich; und er ist immer noch nicht darüber hinweg, dass dann, drei Jahre nach diesem Foto, 1985 Simon den Nobelpreis gekriegt hatte und nicht er, oder wenigstens er einen halben und Nathalie Sarraute den andern, das hätte ja gereicht; Robbe-Grillet hat ein Schloss in der Normandie, zweimal hat in letzter Zeit gewaltiger Sturm den Park verwüstet, seither, erzählte er, genießen Hirsche und Wildschweine das Chaos ums Haus). Und daneben, die beiden Hände an ihrem Jackenkragen, mit weißgrauem Haar, damenhaft Nathalie Sarraute, an einem Band hat sie vor den Händen oder wohl ein Stück unter den Händen eine Brille hängen, die erste in diesem ganzen Zusammenhang. Pinget übrigens schaut als Einziger nicht nach drüben, zur Zoohandlung hinüber, sondern, irgendwie sarkastisch sich mokierend, vorn an den andern entlang.

Die Verleger, und vor allem Nathalie Sarraute und Robbe-Grillet, hatten solche Bilder gern, sie suggerierten, und zwar mit großem Erfolg, dass es in menschlicher Realität das gab, was man literarisch als den Nouveau Roman wahrgenommen hatte. Inzwischen ist das alles sehr lange her, aus der Ferne sind das längst Genrebilder geworden, und als ob im Grund schon damals von einer irgendwie geschlossenen Gruppe kaum die Rede sein konnte. Beckett verabschiedete sich mit Adornos Segen ins Land der Heiligen, und während Robbe-Grille und Nathalie Sarraute und eine Weile lang mit ihnen Marguerite Duras dasaßen wie die Oberen eines aufgelassenen Klosters, waren Pinget und Simon wie Entkommene schon weit, weit fort auf ihren eigenen Wegen. Pinget (der Verkannteste, aber er wird damit gerechnet und sich nichts daraus gemacht haben) hatte schreibend das von keinem noch glücklich erreichte Land einer so zauberischen, irrwitzigen Alltäglichkeit entdeckt, dass er nirgendwoanders mehr sterben wollte; und Simon – ja, Simon war wie unter der Hand allem wie aus dem Weg gegangen und schien unvoraussagbar einfach zu machen, was er wollte.

Geboren 1913 (Sarraute 02, Beckett 06, Duras 14, Pinget 19, Robbe-Grillet 22), von einer jungen, schönen, wunderbar molligen Frau aus einer einst reichen und immer noch wohlhabenden südfranzösischen Weinbauernfamilie (sie liebte Süßigkeiten aller Art; sie starb an Krebs, als er elf war) und einem Vater aus einer sehr armen Bauernfamilie aus dem Jura (er war Offizier in den Kolonien und starb gleich bei Beginn des Ersten Weltkriegs, in Flandern; lange Jahre hatte außer der jungen Frau, die keinen andern, fast überhaupt keinen wollte, ihn aus ihrer Familie keiner haben wollen), hatte Claude Simon eigentlich keinen Beruf gelernt oder sich auf irgendeinen vorbereitet, er reiste herum, nach Russland, schaute sich einige Wochen lang den Spanischen Bürgerkrieg an, wirklich kaum mehr, er schaute ihn sich an; eine Zeit lang wollte er Maler werden, er hat dann sein Leben lang fotografiert, und fast so gut fotografiert wie geschrieben, wenn man einmal absieht von dem Unterschied zwischen Fotografieren und Schreiben. Dann kam der Krieg (der nächste), in den er ganz absurd zu Pferde ging, er sah seine Schwadron zu Pferde zugrunde und einen wahnsinnigen Offizier zu Pferde in den gelernten Heldentod gehen. Ohne einen Schuss abzugeben, kam er davon, geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte, als er aus Sachsen nach Südfrankreich verlegt worden war, fliehen (sein Deutsch sei so schlecht, hat er einmal gesagt, weil seine Zeit in Deutschland so kurz war), lebte zu Hause in Perpignan, gegen Ende des Kriegs für ein paar Monate versteckt in Paris und begann in diesen Jahren ernsthaft zu schreiben.

Berühmt machte ihn, nach einigen Büchern, die er selber danach dann nicht mehr so schätzte, 1957, und wirklich nicht ganz ohne Verdienst Robbe-Grillets, der Roman Le Vent , Der Wind, die traurige, schöne Geschichte und Liebesgeschichte eines Mannes, der als Fremder bei Perpignan Weingüter erbt und sie nun weder verkauft noch etwas mit ihnen anfängt und eigentlich gar nicht weiß, wie ihm geschieht, und doch tut, was er wollen würde, wenn er so etwas hätte wie einen Willen. Das Buch heißt nach dem Wind, der die ganzen Monate die Stadt durchweht, durchwüstet.

1959 erschien das Buch, auf das Simon dann immer wieder festgelegt worden ist, auch deshalb, weil er selber bis zum Ende hin nicht mehr loszukommen schien von dem, was er da erzählt, nämlich La Route des Flandres, Die Straße in Flandern, das Buch also, in dem er berichtet oder, in eine Eifersuchtsgeschichte eingekleidet, zu berichten scheint, was sich abspielte, als 1940 seine Schwadron vernichtet wurde und als dieser wahnsinnige Offizier da in heldischer Pose dem deutschen Heckenschützen ins Feuer ritt. Diese Episode taucht in mehreren Büchern Simons auf, jedenfalls so oft, dass man ihm zuweilen mit leisem Bedauern da eine Obsession oder weniger vornehm eine Marotte nachgesagt hat. Irgendwann hat Simon einem Interviewer dann gesagt, es tue ihm leid, aber er kenne nun einmal nichts anderes von der Welt als dies bisschen Krieg und seine Familiengeschichte.

"Das Gras": Fast ein komisches Buch, wenn es nicht auch so traurig wäre