Es war einmal eine Zeit, da wollten die Jungen die Gesellschaft so richtig aufmischen. In jene Zeit fiel auch das Jahr 1968, in dem der 16-jährige Gymnasiast Matthias Kurth in Heidelberg der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands beitrat. Allerdings nicht, um eine Revolution anzutreiben, sondern um "die Ochsentour durch Ortsvereine" zu machen, wie er sagt. Inklusive Diskussionen, Sitzungen und Gremienmeierei. Zum Glück gab es jemanden, an dem sich Matthias Kurth schon damals ein Vorbild nahm: Willy Brandt. Die Reformpolitik des späteren Bundeskanzlers habe ihn fasziniert, sagt er. Dessen Stil der Versöhnung, des Ausgleichs. Da wollte er hin.

Heute ist Matthias Kurth der oberste Regulierer der Bundesrepublik. Er sorgt für mehr Wettbewerb, wo lange Zeit mächtige Monopolisten das Sagen hatten: bei der Post, der Telekom und jetzt auch bei den Strom- und Gaskonzernen. Ein heikler Auftrag? "Nein", entgegnet Kurth. Das Ganze erinnere ihn schon ein wenig an die Ziele der Achtundsechziger. Die wollten damals verkrustete Strukturen aufbrechen, er heute starre Märkte öffnen. Dabei läge ihm am Ausgleich der Interessen zwischen den Unternehmen ebenso viel wie an dem zwischen Unternehmen und Verbrauchern. "Ich will den Erfolg", sagt er, und das ist einer seiner Lieblingssätze.

Aufrecht steht er am Rednerpult in der Britischen Botschaft Berlin. Fixiert seine Zuhörer, die Abgesandten aus den Chefetagen der Energiekonzerne, die das, was er sagt, gar nicht so gern hören. Mehr Konkurrenz soll die Preise schrumpfen lassen. Seit 1998 hat sich Kurth als Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, kurz RegTP, darum gekümmert, dass das Telefonieren billiger und die Briefpost nicht teurer wurde. Telekom und Post seien heute gut geführte, börsennotierte Konzerne. Den Exmonopolisten habe seine Arbeit nicht geschadet. Sagt Kurth. "Kein Kommentar." Sagt die Deutsche Telekom.

Akribisch hat Kurth sich und seine Behörde auf die neue Aufgabe vorbereitet. Er muss etwa 1600 Netzmonopolisten regulieren, die seit vielen Jahrzehnten unverschämt viel Geld verdienen. Was viele Kollegen als "zu heißes" Mandat abgelehnt hätten, scheint Kurth geradezu Freude zu machen. "Verabschieden Sie sich von den Relikten monopolistischen Denkens", ruft Kurth den Managern in der Britischen Botschaft zu. Er streckt seine Arme nach vorn und öffnet die Hände so, als wolle er sie alle umfassen, die vor ihm sitzen – und preist die Regulierung als Chance an: Endlich werde ein unabhängiger Schiedsrichter ihre Netze beaufsichtigen, endlich gebe es einen kompetenten Ansprechpartner, der schnell verbindliche Entscheidungen treffen könne. "Investitionssicherheit und Renditen, das wollen Sie doch, und das werden Sie bekommen", ruft er. Aber nicht ohne Gegenleistung.

Aus Angst vor Kurth drohten die Stromkonzerne mit Abwanderung

Kurth sei ein "glänzender Verkäufer", gibt Bernd-Michael Zinow zu, der Bereichsleiter für die Regulierung beim Energiekonzern EnBW in Karlsruhe. Das Lob sollte man jedoch nicht so verstehen, als dass es keinen Streit gäbe. Die Netzbetreiber haben ihrem künftigen Regulierer nämlich schon vor seinem Amtsantritt die Macht beschneiden lassen. Sie wollten verhindern, dass Kurths unabhängige Behörde ihnen das Gleiche antut, was sie schon der Deutschen Telekom verordnete: ihre Netze für Konkurrenten zu öffnen. So machten sich die Lobbyisten in Berlin an die Arbeit: Sie sprachen von "Blackouts wie in Amerika", drohten mit Abwanderung, warnten vor "Investitionen in den Treibsand der Regulierung" – und waren teilweise erfolgreich. Ganz so frei wie einst bei der Telekommunikation kann Kurth bei Strom und Gas nicht walten. Vielmehr muss er seine Regulierungspläne vom Wirtschaftsministerium absegnen lassen, und das steht der Großindustrie für gewöhnlich freundlich gegenüber. Kurths monatelanger Kampf für politikferne Regeln half nicht, ebenso wenig der Hinweis auf den quicklebendigen Telekommunikationsmarkt. Schließlich ist es dem Regulierer zu verdanken, dass kleine Anbieter dort überhaupt überleben können. "Als eloquenter Vertreter für mehr Wettbewerb hat sich Herr Kurth für einen diskriminierungsfreien Markt eingesetzt", sagt Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten. Bei Strom und Gas wird es einen solchen nicht so schnell geben. Für Kurth ist das kein Grund zum Aufgeben. Märkte zu regulieren sei wie Schach spielen, sagt er. "Ich will natürlich gewinnen." Bei einem vermeintlichen Coup des Gegners aufzugeben, das sei nicht seine Art.

Verantwortung für öffentliche Aufgaben erkämpfte sich Kurth erstmals auf dem Gymnasium. Mit 15 Jahren wurde er zum Schulsprecher für 1200 Schüler berufen. "Eine aufregende Aufgabe." Nach dem Abitur arbeitete sich der Musterschüler ("Ich war aber kein Streber") an der Universität Frankfurt ohne Mühe durch deutsche Paragrafenwerke und volkswirtschaftliche Lehren. Seine Abschlussnoten seien "ganz gut" gewesen, sagt er, und das ist untertrieben. Beide Staatsexamen bestand er mit Prädikat. "Und dann bin ich Richter geworden, weil mir mein Prüfer sofort nach der Prüfung zum zweiten Staatsexamen ein Angebot gemacht hat", sagt Kurth, und seine hellblauen Augen strahlen auf einmal, sodass man seinen Stolz bemerkt. Das Angebot kam wie gerufen: Öffentliches Recht in wirtschaftsnahen Sektoren habe ihn schon immer interessiert, und so wird er Richter am Landgericht Darmstadt. Im alltäglichen Umgang mit prozessierenden Parteien gewinnt er eine für sein späteres Berufsleben wichtige Erkenntnis: Nur, wer klar Position bezieht und Verantwortung übernimmt, hat eine Chance, zu gewinnen.

Jetzt aber geht es erst einmal um Türschilder – in der Behördenzentrale im Bonner Tulpenfeld ebenso wie in Berlin und allen anderen Niederlassungen. Gegen Kurths Willen wurde die bisherige RegTP nämlich umbenannt in Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Ein Wortungetüm, dem der Chefregulierer nur mühsam einen positiven Aspekt abringen kann. "Das Wort ›Netze‹ ist enthalten und das Wort ›Bund‹, damit erkennt man uns", sagt er. Mehr nicht. Mit "uns" meint er die 2400 Mitarbeiter seiner Behörde. Aber Agentur? Das klingt nach Arbeitsagentur, mithin nach wenig Erfolg, und das mag Kurth überhaupt nicht. Lieber lässt er wissen, dass die Bertelsmann Stiftung den Regulierern im vergangenen Jahr bescheinigt hat, "Start-up-Spirit auf dem Weg zur Verwaltung neuen Typs" zu haben.

Der Behördenchef ist Sozialdemokrat, aber die Unionsparteien stützen ihn

Seiner Behörde hat Kurth längst auch den Ruf einer agilen Verbraucherschutzorganisation verpasst. Nicht nur auf der Homepage im Internet steht "Verbraucherservice" ganz oben. Ob Mobilfunkstrahlung, Rufnummernmissbrauch oder digitale Signatur, "die Leute rufen immer zuerst bei uns an". Im vergangenen Jahr votierten über 150000 Leser der Zeitschrift Computerbild dafür, dass den Regulierern der "Goldene Computer 2004" in der Kategorie Kommunikation verliehen wurde, weil sie über Telefonabzocker, Spam und Dialer aufklärten.

Jetzt also: Bundesnetzagentur. Die Wortschöpfung ist eine Hinterlassenschaft seiner Genossen, entstanden unter der Regentschaft von Superminister Wolfgang Clement, der seine Behörden quasi per Umbenennung modernisierte. Überhaupt, die Sozialdemokraten! Kurth sorgt sich um die Nachkommen seines Idols Willy Brandt. Was wird wohl aus einer Partei ohne Lichtgestalten? Reden will er über diese Sorgen nicht, macht zu, wenn man ihn danach fragt. Angebracht erscheint ihm lediglich, darauf hinzuweisen, dass ein Regierungswechsel im Herbst keinen Einfluss auf seinen Posten als Chefregulierer haben würde. Der von der Union dominierte Beirat der Behörde hat der Bundesregierung gerade einstimmig vorgeschlagen, Kurths Vertrag bis 2007 zu verlängern. "Weil die Regulierer vor enormen Aufgaben stehen, die zu lösen Herr Kurth der Richtige ist", sagt Johannes Singhammer, Beiratsvorsitzender und CSU-Mitglied.

Von der praktischen Politik als Broterwerb hat sich Kurth verabschiedet, obwohl er es 1978 in den Hessischen Landtag geschafft hatte und es später zum Staatssekretär im Wirtschaftsministerium brachte. Erst Mitte der neunziger Jahre begann er, Märkte zu öffnen. Zuerst in der Theorie. Er vertrat das Land Hessen im Regulierungsrat für das Post- und Fernmeldewesen, schrieb am Telekommunikationsgesetz mit; er stritt im Ausschuss der Regionen der Europäischen Union. Natürlich ging es auch dort um transeuropäische Netze, um Informations- und Kommunikationstechnologie. Zungenbrecher wie harmonische Frequenzregulierung, Arealnetz oder Durchleitungsentgelt gehen dem Juristen seitdem fließend von den Lippen. Auch Schaltwarten, Netzzentralen und Gaskavernen sind für ihn keine abstrakten Begriffe mehr. Begeistert erzählt Kurth vom "Crashkurs Colt", seinem siebenmonatigen "Zwischenstopp in der Wirtschaft", bei der Colt Telekom GmbH. Die dortige "Knochenarbeit" habe ihm einen "unglaublichen" Erfahrungsschatz beschert, sagt er. "Ich muss wissen, worüber die Netzbetreiber reden."

"Ich brauche Abstand von den Kleinkariertheiten"

Kurth hat beides drauf – den Blick fürs Detail und den für das große Ganze. Gelang ihm dadurch der Aufstieg an die Spitze der Regulierungsbehörde? Kurth wird verlegen, aber nur ganz kurz. Er erfülle seinen politischen Auftrag. Mehr nicht.

Vergnügt plaudert er über eines seiner ersten Projekte in Bonn: Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Auftrag der Bundesregierung. Einiges Herzklopfen habe ihm die Vorbereitung bereitet, denn jedes Detail der Versteigerung musste juristisch unangreifbar sein. Schließlich ging es um viel Geld. "Als Staatssekretär in Hessen musste ich Förderbescheide für den Rhein-Main-Verkehrsverbund unterschreiben. Immerhin 600 bis 800 Millionen Mark, damals waren das Unmengen von Geld für mich", sagt er. "1998 habe ich dann 98 Milliarden Mark von den Mobilfunkbetreibern angefordert, vollkommen unvorstellbare Werte, für die wir Rechtssicherheit garantieren mussten." Einer der Bieter, Mobilcom, hat später doch gegen das Verfahren geklagt – die Klage aber bald darauf wieder zurückgezogen. Ein zufriedenes Lächeln zieht über Kurths Gesicht, wenn er daran denkt. Nebenbei verhalf er Bundesfinanzminister Hans Eichel zu einem der seltenen Glücksmomente in dessen Amtszeit: Dank der UMTS-Milliarden konnte Eichel "das erste und einzige Mal in seiner Berliner Karriere" die allgemeine Bundesschuld absenken, und zwar um etwa fünf Prozent.