Die Bilder aus Guantanamo lösten zwar weltweit einen Schock aus, aber mittlerweile sind sie aus dem medialen Betrieb verschwunden, obwohl der Skandal andauert. Das Buch des in Köln lebenden, britischen Dokumentarfilmers James Pastouna wird man so schnell nicht vergessen, denn seine schnörkellos erzählten Geschichten von drei Häftlingen wirken nachhaltig, ja verstörend. Pastouna hat für den WDR auch eine Reportage über Guantanamo gedreht. In seinem Buch blendet er die Geschichten der drei Häftlinge in den Bericht über die Recherchen für den Film ein, die ihn nach Afghanistan, Birmingham, Washington und Kuba führten.

Pastouna reiste zuerst nach Afghanistan, wo er den ehemaligen Häftling Sayed Abassim besuchte. Wie geriet der Taxifahrer unter Terrorverdacht? Er hatte im April 2002 einen falschen Gast im Auto und fuhr mit diesem zur falschen Zeit an einen falschen Ort. Bei einer Kontrolle stellte sich heraus, dass der Fahrgast, den Abassim nicht kannte, ein Cousin eines feindlichen Warlords war. Die afghanische Miliz übergab den "falschen" Gast ebenso der amerikanischen Armee wie den Taxifahrer. Nach 40-tägigen Verhören mit Schlafentzug und Fesseln an den Beinen wurde Abassim nach Guantanamo abgeschoben und für zwei Jahre in einem 2,45 mal 2,45 Meter großen Käfig eingesperrt. Der Mann, den Pastouna jetzt in Kabul besuchte, fährt zwar wieder Taxi, ist aber körperlich und psychisch schwer gezeichnet.

Ebenso unschuldig gerieten der Brite Moazzem Begg und der aus Bremen stammende Deutsch-Türke Murat Kurnaz in den rechtsfreien Raum auf der Karibikinsel. Gegen die Genfer Konvention und andere völkerrechtliche Normen verweigern die USA den Häftlingen den Status von Kriegsgefangenen und behandeln sie als "ungesetzliche Kämpfer", denen gegenüber die amerikanische Armee in "Militärkommissionen" als Ankläger, Zeuge, Geschworener und Richter in Personalunion auftritt. Der Völkerrechtsexperte Knut Ipsen beleuchtet in einem informativen Anhang, mit welcher Willkür die US-Behörden die Genfer Konvention aushebeln.

Pastouna lässt sich nicht auf Spekulationen und schiefe Vergleiche ein. Guantanamo ist kein Gulag und schon gar kein Vernichtungslager. Es ist ein rechtsfreier Raum, in dem ein hartes Regime von Bevormundung und Erniedrigung herrscht. Die derzeit rund 600 Häftlinge sind in vier Kategorien eingeteilt, die nach dem Grad der Kooperationsbereitschaft definiert sind. Die Häftlinge der untersten drei Stufen tragen orangefarbene Overalls, die Auskunftswilligen weiße. Lebensmittel werden als Waffen und Bestechungsmittel eingesetzt: Die orangefarbenen Häftlinge erhalten zwei, die weißen drei Mahlzeiten. Gespart wird nicht. Im Durchschnitt nehmen die Häftlinge unter diesem Regime fast sieben Kilo zu pro Jahr. Bei den Verhören, die bis zu 15 Stunden dauern, wird der Häftling an einen Stuhl gefesselt, kann nicht zur Toilette gehen und muss in die Hose machen.

In allen drei Häftlingsbiografien kam es zur intensiven Kooperation zwischen den Geheimdiensten, was den Beschuldigten zum Verhängnis oder zum Vorteil werden konnte. Über den Deutsch-Türken Kurnaz, der immer noch festgehalten wird, wussten die amerikanischen Behörden in Afghanistan schon Bescheid, als er im Land eintraf. Auf verschlungenen Wegen gelangte die Meldung nach Afghanistan, Kurnaz sei in Bremen Mitglied einer terroristischen Gruppe gewesen. Der Verdacht erwies sich als falsch. Fünf britische Häftlinge wiederum kamen nur frei, weil der britische Geheimdienst MI5 den US-Behörden nachwies, dass die herausgepressten "Geständnisse" falsch waren. Der sorgfältig recherchierte und vorsichtig urteilende Bericht Pastounas zählt viele solcher Kollateralschäden des Wahns vom "Krieg" gegen den Terror minutiös auf.