Suhl

Die "autonome Bergrepublik" Suhl war früher für manches gut. Wenn es beispielsweise darum ging, Fehldrucke einer DDR-Zeitschrift loszuwerden, schickte man sie gern Lesern im einstigen Bezirk Suhl, hinter den Thüringer Bergen, weit weg von Berlin. Genau dort nun, in Suhl, hat sich Oskar Lafontaine am vorigen Wochenende dafür entschuldigt, das Wort "Fremdarbeiter" benutzt zu haben. Ganz öffentlich bei den regionalen Kulturtagen und doch irgendwie abgeschirmt wie einst in der Bergrepublik. Zudem wurde das neue Zugpferd des Linksbündnisses aus PDS und WASG gar milde von Günter Wallraff anmoderiert. Wie schön: Bild- Feind Wallraff und Bild- Kommentator Lafontaine – Letzterer zwar a. D., aber mit laufenden Bezügen – in trauter Zweisamkeit. "Ich habe mir dort nichts abkaufen lassen", rief er in den Saal, um hernach den Neoliberalismus zu geißeln. Am Ende war auch der PDS-Wahlkampfleiter Bodo Ramelow zufrieden. Den Begriff "Fremdarbeiter" wendet er inzwischen gegen die SPD. Schließlich sei es Otto Schily höchstselbst gewesen, der die "Papierlosen" in Spanien ebenfalls "Fremdarbeiter" genannt habe.

Andere reagieren da abwartender. Lafontaines Eingeständnis von einem Fehler habe sie via Medien vernommen, sagt die PDS-Bundestagsabgeordnete Petra Pau – und sie sei schon sehr auf das erste Treffen gespannt. "Ich habe mit Oskar Lafontaine einen anhaltenden Konflikt – nicht nur mit dieser Ansicht." Sein Verständnis "als deutscher Vater" dafür, dass polizeiliche Ermittlungen im Falle einer Kindesentführung notfalls mit Folter unterstützt werden, sei inakzeptabel. "Von der Einhaltung der Menschenrechte rücke ich nicht ab." Auch Katja Kipping, als stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende anstelle des Schauspielers Peter Sodann gerade zur sächsischen Nummer eins gekürt, sieht da einen gewissen Dissens, glaubt jedoch, dass "Oskar" mit diesen Äußerungen allein steht.

Nach den ersten Kontakten mit der Wahlalternative schwant indes manchem PDS-Genossen, dass in einem künftigen Linksbündnis viele Diskussionen noch einmal von vorne geführt werden müssen. "Das fängt bei solchen Kleinigkeiten wie der Quotierung einer Rednerliste an und geht bis zu deren autoritärem Verständnis von Staat", sagt Kipping. "Wenn ihr PDSler die Macht habt, dann tragt ihr alle sozialen Kürzungen mit", musste sich Katja Kipping mit Blick auf Regierungsbeteiligungen in Berlin und Schwerin auf dem Kasseler WASG-Parteitag vorwerfen lassen. Immerhin konnte die Sächsin damit kontern, dass im viel gescholtenen rot-roten Berlin noch kein Hartz-IV-Empfänger die Wohnung wechseln musste.

Es sind nicht nur Lafontaines "Fremdarbeiter"-Äußerungen und die "staatsgläubigen WASG-Rezepte von vorgestern", die PDSler beunruhigen. Die Vorstellung, mit einem wie dem ehemaligen SPD-Barden und Stasi-Spitzel Dieter Dehm in einer Fraktion zu sitzen, behagt einigen nicht. Die Niedersachsen haben Dehm gerade zu ihrem Spitzenmann für die Bundestagswahl gekürt.

Wütend macht die Genossen an der PDS-Basis zudem Lafontaines Janusköpfigkeit. "Im Saarland ’ne fette Villa, bei der Bild- Zeitung kassieren und hier die große Lippe riskieren", heißt es in Berlin-Pankow. Bitter sei auch, dass der Name PDS wegfalle. "Dafür haben wir uns zu lange die Hucke voll hauen lassen." Viele ahnen, dass mit dem Kampf um den Namen der Streit im Linksbündnis erst beginnt. Doch was auch komme, sagt Petra Pau mit tiefem Seufzer: "Jetzt werden wir dem Kanzler erst mal seinen größten Wunsch erfüllen – und die Agenda 2010 abwählen."