Hunderttausend Dollar liegen auf dem Tisch, doch kein Teilnehmer der Pokerpartie hat Hände, um sie zu ergreifen. Die Akteure können auch keine Augenbraue heben, keinen Mundwinkel verziehen – ein Turnier ohne ein einziges Pokerface. Denn nicht Menschen, sondern Programme pokern. Seit dem 12. Juli zocken sie um die sechsstellige Siegprämie der World Series of Poker Robots (WSOPR).

Setzen, bluffen, mitgehen, erhöhen: Maschinen lernen das menschlichste aller Spiele. Die Schauveranstaltung in Las Vegas versetzt nicht nur die Pokerfans in Aufruhr. Die Informatiker hoffen auf Erkenntnisse bei der Erforschung künstlicher Intelligenz.

Poker gilt als das "psychologischste" unter den Glücksspielen, ein Nervenkrieg um die Einschätzung des Gegners. Jahrelange Spielpraxis und gute Beobachtungsgabe machen den Profi aus. Das jedenfalls galt bis zum Mai 2003. Da staubte ein unbekannter 27-jähriger US-Amerikaner unter dem bezeichnenden Namen Chris Moneymaker mit einem Full House die Siegprämie der Meisterschaft World Series of Poker (WSOP) ab – zweieinhalb Millionen Dollar. Trainiert hatte er nur im Internet, auf den Web-Seiten von Online-Casinos, wo Glücksspiele anonym und ohne persönliche Anwesenheit möglich sind. Doch dieses Trainingslager nutzen nicht nur menschliche Zocker.

Um im www-Casino systematisch Geld zu verdienen, tüfteln Bastler und Mathefreaks an Pokerrobotern, kurz Pokerbots – eine Software, die per Internet ein Onlinespiel genauso bedienen kann, als ob ein Mensch spielen würde.

Das Phänomen ist inzwischen so weit verbreitet, dass Glücksspielbetreiber zur Gegenwehr greifen. PartyPoker, eine Firma aus Gibraltar, beschäftigt nach eigenen Angaben eine hundertköpfige Mannschaft von Überwachern in ihrem Online-Casino, die nach Bots Ausschau halten. Algorithmen bluffen zu lassen ist mittlerweile fast überall verboten. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass an vielen virtuellen Spieltischen Pokerprogramme mitmischen.

"Wie programmiert man Intuition? Ich habe keine Ahnung"