Deutsche Aktien stehen so gut da wie seit drei Jahren nicht mehr, und mit Hingabe spekulieren die Börsianer, welche Aktien unter welcher Regierung von Herbst an zu den Gewinnern zählen. Doch im Trubel um Neuwahlen und neue Börsenhochs übersieht man leicht ein anderes Thema, das in diesen Tagen aktuell wird. Ein Thema, auf das niemand vorbereitet ist - Unternehmen verlassen die Börse.

Da ist der Fall Karstadt: Seit Wochen kauft Großaktionärin Madeleine Schickedanz Anteilspaket um Anteilspaket, zuletzt für 75 Millionen Euro.

Schickedanz besitzt mehr als 50 Prozent an Karstadt, Tendenz steigend. Am Ende wird sie den Konzern wohl von der Börse nehmen, damit der Vorstand in Ruhe die geplanten Grausamkeiten, sprich Entlassungen vollziehen kann. Und Karstadt dürfte erst der Anfang der Rückzugsbewegung sein.

Drei Dinge sprechen dafür. Erstens die Nachwehen der Kapitalismusdebatte. Wer filetiert ein Unternehmen schon gern im Licht der Medien? Zweitens die Publizitätsvorschriften des Kapitalmarkts. Wer sein Haus umbaut, will sich nicht alle drei Monate vor Analysten rechtfertigen, dass die Zahlen nicht stimmen. Mehrere miese Quartale hintereinander übersteht kein Vorstand. Und drittens sind da die neuen Regeln zur Offenlegung von Managergehältern: Sie gelten nur für börsennotierte Firmen.

Was daraus folgt? Analysten und Journalisten müssen genauer hinschauen, weil die spannendsten Entscheidungen künftig abseits der Börse fallen. Und die neue Regierung sollte die Transparenzregeln auf nichtbörsennotierte Firmen ausweiten. Ganz gleich, wer von Herbst an regiert.