Im Jahre 1984 nahm sich der seit 1987 emeritierte Münchner Ordinarius für Kunstgeschichte, Wolfgang Braunfels, den Text seiner Kleinen Kunstgeschichte Italiens von 132 Seiten wieder vor, wo er 1939 zusammen mit Eckhart Peterich in 33 kurzen Kapiteln einen Schnellkursus durch die italienische Kunstgeschichte geboten hatte. Der DuMont Verlag übernahm damals den um fast fünfzig Kapitel erweiterten Text in eine erfolgreiche Paperbackreihe und nannte ihn immer noch Kleine Kunstgeschichte Italiens .

Der handliche Band erreichte mehrere Auflagen und hat durch seine überzeugende Auswahl der wichtigsten künstlerischen Leistungen auf italienischem Boden seit den frühen Italikern bis zu den Zeitgenossen Goethes und durch eine klare Darstellung viele Leser gefunden. Jetzt legt der Verlag den Text des 1987 verstorbenen Autors ,mit 372, zum großen Teil farbigen Abbildungen angereichert, als monumentalen Band wieder vor und versieht ihn anhangsweise mit knappen Angaben zum neueren Forschungsstand.

Der Text kann die Anreicherung durchaus ertragen, da die Bilder ihm vernünftig zugeordnet sind. Es ist aufschlussreich, wie anders man einen solchen Text nach zwanzig Jahren aufnimmt. Damals, um 1985, ließ man sich gern durch die locker aneinander gereihten Essays einführen und belehren, vermisste aber die analytische Bewältigung des Stoffes, die begriffliche Durchdringung, welche dem auch hier aufgeführten Gänsemarsch der Stile "Antike, Mittelalter, Frührenaissance, Hochrenaissance, Manierismus, Barock und Rokoko" Sinn gaben, wie man das seit Wölfflin, A. E. Brinckmann oder Panofsky gewohnt war. Einzig mit der Vorstellung von einer "Kommunalgotik" hat Braunfels als Kenner der mittelalterlichen Stadtbaukunst der Toskana einen neuen Begriff mit Anschauung gefüllt.

Dieses seinerzeitige Defizit erscheint heute als ein moderner Zug. Denn längst haben sich die kunsthistorischen Epochenbegriffe als zeitbedingte Konstrukte mit beschränktem Erkenntniswert erwiesen. So ergeben auch hier die meisterlich geschriebenen, locker aneinander gereihten Stücke keine stringente Geschichtserzählung. Sie nehmen beliebig politische, gattungsgeschichtliche, urbanistische Kategorien, lokale Schulen und besonders gern Künstlerpersönlichkeiten in den Blick, indem etwa Das Imperiale in der römischen Kunst oder Die Anfänge der Tafelmalerei thematisiert werden, Die Entstehung Venedigs oder Die Strada Nuova in Genua oder einfach nur Giotto , Piero della Francesca , Tiepolo .

Kann man dem mosaizierten kunstgeschichtlichen Panorama noch einen dekonstruktivistischen Charme abgewinnen, so rückt eine andere Eigentümlichkeit den Text wohl eher von uns ab. Wolfgang Braunfels hat in seinen Veröffentlichungen über die Stadtbaukunst, über die Klosterbauten oder über die karolingische Kunst immer wieder die Kunst in einem historischen Zusammenhang gesehen. Auch in diesem Band findet man mehr Text über historische und auftraggeberische Umstände als über ästhetische oder stilgeschichtliche Erscheinungsformen.

Doch ist in diesem Buch das Verhältnis der Kunst zur Geschichte durchweg ein ungestörtes, konsensuales Verhältnis. Die Geschichte sonnt sich gleichsam im Glanz der Künste. Von Dante ist oft die Rede, mit keinem Wort aber davon, dass er im Exil vergrämt war. Cola di Rienzi, die Ciompi, Savonarola sind beiläufige Statisten in einer Geschichte, die von den Künstlern als von "Riesengestalten", "Giganten" oder "Heroen" geprägt wurde. Von Machiavelli heißt es zweimal lediglich, dass er als Staatssekretär für Lionardo einen Vertrag ausstellen durfte. Die Kunst überstrahlt eine schöne Welt oder, um es mit der seinerzeit hoch geschätzten Isolde Kurz zu sagen, sie "webt ein leuchtendes Festgewand über den Alltag".