Nach dreißig Jahren im hohen Amt waren Macht und Pracht endgültig dahin. Er ging außer Landes; freundliche Nachbarn nahmen den Gescheiterten, seine Frau und ein stattliches Gefolge auf. Fünfzig Wagenladungen mit Kunstwerken, Erinnerungsstücken, Möbeln und Garderobe sorgten für Stil und gediegene Bequemlichkeit in der Fremde. An Geld mangelte es nicht, die Getreuen verrichteten ihre Dienste ohne Bezahlung, und Bittsteller wurden mit dem vorgedruckten Hinweis beschieden, es gebe keine Mittel zu ihrer Unterstützung. Alsbald fanden sich auch Besucher ein, die ihn ihrer Treue versicherten und sich dafür Tiraden der Selbstrechtfertigung oder immer neue Versionen über die Schuldigen an seiner schmählichen Lage anhören mussten.

Der Pensionär wider Willen entwickelte Gewohnheiten, die ein loyaler Begleiter oft kopfschüttelnd aufzeichnete. So entdeckte der Stadtmensch seine Liebe zur Gärtnerei, er legte Rosenbeete an, pflanzte Rhododendren und schüttete Kieswege auf. Vor allem aber ging er im Dienst körperlicher Ertüchtigung monotonen, groben Holzarbeiten nach, denen im Lauf der Jahre ein stattlicher Wald zum Opfer fiel.

Die relative Abgeschlossenheit seines neuen Lebensumkreises ließ früher schon irritierende Eigenheiten noch schärfer hervortreten. Der verehrte Großvater hatte ihm eine Woche nach seiner komplizierten, halb verpfuschten Geburt eine "phänomenale Stimme – wie ein Opernsänger" attestiert. Und er nutzte diese Gabe im Übermaß, denn er redete vor jedem Publikum, gleich bei welchem Anlass. "Am liebsten ist ihm, wenn er reden, reden und reden kann und ihm recht viele Leute bewundernd zuhören. Dabei wird er nie müde, nur die Zuhörer", notierte eine junge Bekannte des Sechzigjährigen. Auch wenn er charmant Konversation zu machen verstand, meist bediente er sich eines groben Tons und derber Worte.

Eigentlich friedfertig, technisch interessiert und in seiner Jugend sozial aufgeschlossen, war er im Alter unfähig zu selbstkritischem Nachdenken über seine historische Rolle und zur Einsicht in seine Verantwortung. Seine Meinungen wurden immer reaktionärer: Hatte er in der neuen Heimat zuerst liberale Zeitungen gelesen, so bezog er bald seine politischen Erkenntnisse aus einer üblen Provinzpostille, die er der Abendgesellschaft vorlas. Eine merkwürdige Unreife und forcierte Selbstüberhebung begleiteten ihn bis an sein Ende. Seine zweite Frau hielt den Siebzigjährigen für ein "großes Kind", an dem viel verbrochen worden sei. Jahre zuvor hatte ein renommierter Psychiater in ihm einen "typischen Fall periodischen Gestörtseins" gesehen und als Ursache eine "freudlose Kindheit" vermutet.

Dabei wollten ihn seine liberalen und weltläufigen Eltern vor der miefigen militärischen Familientradition bewahren und ihm eine humanistische Bildung angedeihen lassen. Der Versuch misslang, nicht zuletzt durch den Einfluss eines glaubensstrengen und autoritären Mentors. Die Eltern konstatierten besorgt Egoismus und Hochmut ihres Sohnes, seine Mutter ahnte, dass "er seinen Beratern einmal sehr viel Schwierigkeiten machen wird". Dem entging der jung und nach dem Urteil seines Vaters unreif und unvorbereitet ins Amt geratene Sohn durch die Wahl willfähriger Helfer und schmeichlerischer Freunde, die er in Krisensituationen ungerührt fallen ließ. Zu seinen Glanzzeiten, in denen er alles an Macht und Geltung für sich und sein Land erreicht zu haben schien, schrieb ein einflussreicher Industrieller und Politiker: "Diesen Menschen muss man schützen und mit starkem Arm behüten vor dem, was er fühlt … was ihn in den Abgrund zieht."

Wer war’s?

Wolfgang Müller