Das Imagedesaster, das die Enthüllungen über Korruption und Zuhälterei bei Volkswagen bedeuten, ist noch nicht annähernd begriffen. Mit ihm bricht ein ganzes deutsches Lügengebäude in sich zusammen, das den Vorrang der inneren gegenüber den äußeren Werten behauptet hatte und fest darauf vertraute, diese inneren Werte auch sichern zu können. VW hat niemals nur Autos, sondern zugleich ein Versprechen von Moral und Anstand verkauft, das exemplarisch in seiner Unternehmenskultur verwirklicht schien. Nichts zeigt die fatale Rückwirkung der Firmenaffäre auf die Produktpalette deutlicher, als dass dieser Tage zum ersten Mal öffentlich auch über die Qualitätsmängel der Autos gesprochen werden kann.

Qualität war das Tabu schlechthin bei Volkswagen. Denn die Autos, denen es an Charme und Schönheit, sagen wir kurz: an Sexappeal überall mangelte, ließen sich zu dem geforderten Preis überhaupt nur über Qualität verkaufen. Qualität, das heißt Zuverlässigkeit und gute Verarbeitung, ist aber bei Automobilen, was Tugendhaftigkeit bei Menschen ist, also etwas, das wirklich da sein muss und nicht bloß behauptet werden darf. Darin lag das Risiko, das VW wie jeder Mensch eingegangen ist, der auf Liebenswürdigkeit verzichtet, weil er seines guten Charakters halber geliebt werden will.

Nur äußere Werte vertragenes, als Schein entlarvt zu werden; denn Schönheit und Charme haben im Moment der Entlarvung ihren verführerischen Dienst schon geleistet. Tugend aber überlebt die Entlarvung nicht. Erst war sie trocken und steinig, und nun soll sie auch getrogen haben? Wer einen Alfa Romeo kauft, ist bereit, sich durch die Eleganz des Wagens über alle Unzuverlässigkeiten hinwegtrösten zu lasen. Was aber ist mit einem unzuverlässigen Volkswagen? Die Verbitterung eines enttäuschten VW-Käufers lässt sich nur ermessen, wenn man sie mit der Verbitterung einer Frau vergleicht, die den graumäusigen Ehemann, den sie seiner inneren Werte halber geheiratet hat, plötzlich mit einer Nutte im Bett entdeckt.

Das aber ist der Fall von VW. Die ganze biedere, steifleinerne Firma, die sich zu einem Tugendmodell für ganz Deutschland aufgeblasen hatte, ließ sich nur ertragen, solange sie die Zuverlässigkeit ihrer Autos verbürgte und als Unternehmen tatsächlich den Konflikt von Kapital und Arbeit ohne unerlaubte Schmiermittel löste. Ein VW Golf war über Jahrzehnte auch schon deswegen so etwas wie die Erstausstattung der braven Tochter, weil er zuverlässig verbarg, was an einem Auto schmutzig, gefährlich oder abenteuerlich sein konnte. Der Golf war das keusche Auto schlechthin; und dagegen sprachen auch die GTI-Versionen nicht. Sie sollten nur demonstrieren, dass der Sex, der vor der Ehe verboten war, nach der Trauung zumindest im Bereich des Vorstellbaren lag.

Wer aber will seiner behütetenTochter noch einen VW schenken oder gar von irgendeinem VW-inspirierten Arbeitsmarktmodell hören, wenn das Muster, was damit aufgerufen wird, schon lange nicht mehr die deutsche Ehe von Kapital und Arbeit, sondern ein portugiesisches Bordell ist? Manches spricht dafür, dass sich Peter Hartz dem aus Lissabon eingeflogenen Callgirl zu Recht als "geheimer Mann" vorgestellt hat. Dieser geheime Mann, der in jedem Deutschen stecken mag, hat vielleicht auch schon lange von keinem Passat mehr geträumt, sondern von dem erotischen Glamour alter Kolonialnationen. Vielleicht war der unkeusche Traum sogar früher bereits bei Volkswagen zu entdecken, in dem Zukauf immer neuer Luxusmarken, von Bugatti, Bentley, Lamborghini, mit denen der deutsche Volkskonzern in die Aristokratie aufsteigen wollte. Der Phaeton war nur der verunglückte Versuch, mit Hausmitteln zu erreichen, was doch nur importiert werden kann.