Der deutsche Innenverteidiger Robert Huth ist offenbar kein Fall für den Psychologen. Als er während des Confederation Cups nach fußballerischen Fehltritten von den Medien mit Häme bedacht wurde, hat er nie daran gedacht, bei Hans-Dieter Hermann, dem Mannschaftspsychologen, vorstellig zu werden. Huth, der sich im Alter von 16 Jahren, vom FC Union in Berlin kommend, allein aufmachte, in der englischen Premier League zu spielen, hat andere Methoden der Krisenbewältigung: "Ich habe nicht einmal mit meiner Freundin darüber gesprochen, sondern habe das mit mir selbst ausgemacht."

Hans-Dieter Hermann, 44 Jahre alt, Diplom-Psychologe im Stab Jürgen Klinsmanns, sagt, ihn habe Huths Reaktion nicht überrascht. Auch das Gerücht, dass sich bisher offenbar kaum Spieler zu Einzelgesprächen einfanden, und wenn, dass sie dies jedenfalls öffentlich nicht erörtern wollten, kommentiert Hermann lapidar: "Die Spieler sind sehr interessiert und aufgeschlossen. Vor allem würden sie öffentlich nie über solche Begegnungen Auskunft geben. Zudem wissen sie besser als jeder Außenstehende, dass der eigentliche Schwerpunkt meiner Tätigkeit im psychologischen Training in der Gruppe liegt." Richtig offen kann er leider nicht reden. Das Thema ist ein Tabu, und der Mann ist geschult im Umgang mit Medienmenschen – schließlich erteilt er ihnen in Seminaren psychologisch-strategische Ratschläge zur Gesprächsführung bei Interviews.

München, ein schmuckloser Raum in einem großen Hotel, das erste Interview mit dem Interviewtrainer. Es endet, nach tempolosem und weitgehend höhepunktfreiem Spiel, nach 60 Minuten mit einem leistungsgerechten null zu null. Der Mitschnitt auf dem Tonband belegt: kein Erkenntnisgewinn. Hermann hatte bis zu dem Zeitpunkt in seiner neuen Funktion noch keine öffentlichen Aussagen gemacht. Die Vorgaben waren klar: kein Wort über die Mannschaft. Nicht einmal Andeutungen also, ob Huth in der Kabine weint oder Klinsi in der Pause tobt. Wenn Hermann dann doch, zur Erläuterung allgemeiner Thesen zu Motivationslehre und Stressbewältigung, ein Spielername entweicht, signalisiert sein Blick sofort: Bitte nicht verwenden, ärztliche Schweigepflicht.

Ein zweiter Anlauf scheint geboten. Man verabredet sich also zum Rückspiel in naher Zukunft, um mehr über die geheimnisvolle Rolle des ersten deutschen Nationalmannschaftspsychologen zu erfahren.

Die Berufung von Hans-Dieter Hermann zum psychologischen Betreuer der Nationalmannschaft im Dezember 2004 fiel in eine Phase, da Klinsmanns Neuerungen – Gummitwist, E-Mail für alle – in der Öffentlichkeit noch mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln aufgenommen wurden. Als ob das alles nicht schon kalifornisch genug sei: Jetzt auch noch ein Seelentröster?

Während der Asienreise der Nationalmannschaft Ende des vergangenen Jahres hat Hermann sich den Spielern erstmals vorgestellt und auf der Laufbahn im Stadion von Yokohama in einer provisorischen Plauderrunde auch den Medien. Die Reaktionen waren insgesamt positiv. Eine Art Ritterschlag ließ dem neuen Mitarbeiter damals Oliver Kahn zuteil werden: Er würde, so die Lage dies erfordere, gewiss bei Hermann vorstellig werden. Die balkengroße Reaktion des Boulevards ("Kahn zum Psycho-Doc?") mag alle Beteiligten in ihrem Schweigegelübde bestärkt haben.

Seit über einem halben Jahr gehört Hermann zum Trainerstab, begleitet das Team auf allen Reisen, in die Trainingslager, sitzt oft auf der Ersatzbank. Dass er inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil der Gemeinschaft geworden ist, merkt man beim Training. Ob es ein Tor zu transportieren oder Getränke abzufüllen gibt, immer ist auch Hermann da. Selbst bei diesen eher bodenständigen Tätigkeiten strahlt er jene große Ruhe aus, die man bei Vertretern seines Berufsstandes irgendwie vermutet. Doch er wurde nicht zur allgemeinen Beruhigung engagiert. Im Gegenteil, Hermann ist der lokale Stützpunkt der aus den USA importierten Energie- und Motivationstherapie des Bundestrainers. Als Klinsmanns mentaler Cheftheoretiker arbeitet er im Hintergrund an der gemeinsamen Strategie vom positiven Denken und Reden.

Zwischen beiden gibt es dann auch, bis hin ins Phänotypische, Wesensverwandtschaft zu beobachten. Wie Klinsmann macht Hermann gelegentlich den Eindruck eines Außenstehenden, ohne dabei Außenseiter zu sein: in Habitus und Gestus, in Sprache und Stil, ein Feingeist in der ansonsten rustikalen Männerwelt des Fußballs. Klinsmann hat als Rückzugsort Kalifornien, Hermann hat Schwetzingen, wo er mit seiner Familie lebt. Wie für Klinsmann hängt für ihn persönlich vom Abschneiden der Deutschen bei der WM 2006 nicht wirklich etwas ab. Auch wenn das Team im kommenden Jahr früh scheitern sollte – die Klinsmann/Hermann-Doktrin der Wechselwirkung zwischen Kopf und Fuß wird überdauern.