Selten war eine Frankreich-Rundfahrt dermaßen ereignislos. Etappe für Etappe das gleiche Bild: Der Mann im Gelben Trikot heißt Lance Armstrong, ist bislang sechsmaliger Tour-Gewinner und beendet am Sonntag in Paris seine Karriere – sehr wahrscheinlich mit einem siebten Sieg. Keiner scheint etwas dagegen zu haben. Weder die TV-Medien, die in den vergangenen Jahren eine Pro-Ullrich Berichterstattung sendeten, noch die Gegner und schon gar nicht die französische Tour-Direktion.

Vorhang auf für die eindrucksvolle Theaterinszenierung eines sportlichen Wettkampfs. Vor den 21 Etappen hießen die schärfsten Konkurrenten des Tourminators Ullrich, Winokurow, Basso und Heras, die als Favoriten oder als Geheimtipp gehandelt wurden. Zu diesem Zeitpunkt der Rundfahrt ist klar, dass keiner von ihnen das Niveau des Amerikaners hat.

Die beiden Fahrer des Teams T-Mobile agieren wie Streithähne, die sich voll und ganz auf die Klärung der Frage konzentrieren, wer der offizielle und inoffizielle Kapitän der Mannschaft sein darf. Ivan Basso (CSC), zur Zeit Zweiter der Gesamtwertung, gibt den jugendlichen Herausforderer – freilich ohne jemals den Protagonisten ernsthaft in Gefahr zu bringen. Roberto Heras (LSW), ein untreu gewordener Teamgefährte des Texaners, zeigt seine Reue durch Abgeschlagenheit im Klassement. Allein der Däne Mikael Rasmussen (Rabobank) mimt den Spielverderber, weil er beweist, dass er schneller die Berge herauffliegt als der Star der Veranstaltung. Wie unfein.

Dabei spielen doch selbst die Medien mit. Brav werden zwar Fragen nach Konkurrenten, schweren Etappen und Chancen des Toursieges gestellt – tiefer gebohrt wird aber nicht. Armstrong gibt sich besser gelaunt als je zuvor, scherzt und bietet den Fotografen eine Menge Posen an. Auch die Direktion der Tour, allen voran Jean-Marie Leblanc, bietet dem Texaner eine perfekte Bühne für den Abgang. So wird auf der 15. Etappe in den Pyrenäen nicht die Spitzengruppe mit Motorrädern vor gefährlich aufdringlichen Fans geschützt, sondern der Held, die Geldmaschine, der Garant für saubere Leistung. Und so dürfen die mobilen Kameras des französischen Fernsehens zum letzten Mal das unbewegte Gesicht des Amerikaners in Großaufnahme übertragen. Und als kurz vor dem Auftakt Jürgen Emig, langjähriger Moderator der Tour, dem Verdacht der Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung und Untreue erlag, präsentierte die ARD fix einen wunderbaren Ersatz: Monika Lierhaus.

Auch die sonst bei der Tour so zahlreichen Doping-Sünder müssen in diesem Jahr pausieren. Armstrong soll eine saubere Rundfahrt gewinnen. Bloß keine schmutzige Wäsche waschen oder womöglich den Saubermann damit belasten. Lediglich zwei Verdachtsfälle wurden in diesem Jahr bislang bekannt, aber ohne einen direkten Nachweis der Unsportlichkeit zu belegen. Natürlich gehören die schwarzen Schafe – der Russe Jewgueni Petrow (Lampre) und der Italiener Dario Frigo (Fassa Bortolo) – zu den bösen gegnerischen Teams. Der Aufschrei in der Presse oder gar bei der Polizei hält sich in Grenzen. Keine Hoteldurchsuchungen, Fahrer-Streiks oder entlassene Mediziner säumen die Tour d'honneur. Moralisch einwandfrei, diese Familie des Radsports.

Bitte erheben Sie sich für stehende Ovationen, wenn am Sonntag der Champ die Champs-Elysées zum letzten Mal mit seinen Reifen beehrt. So ästhetisch hat noch keiner gewonnen.