Nach wie vor finde ich es kurios, dass etwas, was man im stillen Kämmerlein austüftelt und seinen Freunden zeigt, global Aufmerksamkeit erfährt. Wie kann etwas, das so persönlich ist, zum Allgemeingut werden? Ich träume von Fotos, in denen so viel Gefühl steckt, dass man etwas von mir in ihnen wahrnimmt. Bono von U2, der im Gegensatz zu mir extrem extrovertiert ist, denkt immer in großen Kategorien, an Gigs auf den Bühnen der Welt, während ich immer noch der Junge bin, der damals in seinem kleinen Zimmer saß und Musik hörte.

Die Idee gelebter Individualität ist die Grundlage meines Traums. Ich habe Probleme mit vielen Effekten kultureller Globalisierung. HipHop-Videos aus Los Angeles machen in Europa Furore. Jugendliche in London laufen herum wie amerikanische Jugendliche, nur weil sie dieselben Videos sehen. In niederländischen und britischen Metropolen gibt es mehr und mehr Jugendliche, die den Gestus karibischer Einwandererkinder kopieren, um anerkannt zu sein – eine Umkehrung der Geschichte.

Für mich ist es unnatürlich und beschämend, dass Menschen ihre Individualität verlieren, weil sie einem Muster folgen; dass sie sich modische Verhaltensweisen aneignen, nur um ins System zu passen. Ich träume davon, diese Abhängigkeiten zu überwinden. Wir Europäer haben ja inzwischen begriffen, dass jede Form scheinheiliger Halbkolonialisierung zu Konflikten führt und hinter vermeintlicher Liberalität häufig eine Scheißegal-Haltung lauert. Für diese Scheinliberalität haben die Niederlande teuer bezahlen müssen. Dass Theo van Gogh ermordet wurde, hat mich tief schockiert. Sein Tod hat das Klima in den Niederlanden verändert. Keiner traut sich mehr, den Mund aufzumachen. Jeder fürchtet sich. Meine Freunde wagen es nicht, in den Medien ihre Meinung zu sagen. Diese bleierne Atmosphäre der Einschüchterung gibt es in Deutschland nicht.

Politische Appelle zeigen in den Niederlanden kaum Wirkung. Eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen wächst ohne Grenzen und ohne klare Führung auf. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich rede hier keiner ultrarechten Propaganda das Wort, im Gegenteil. Ich habe einen streng christlich-sozialistischen Hintergrund, in dem soziale Verantwortung wichtig war. Meine Familie wohnte stets in Pfarrhäusern, hatte aber nicht genug Geld zu heizen, weil sich mein Vater in absurdem Ausmaß kasteite und Teile seines kargen Lohns abgab im Gefühl, zu viel zu verdienen.

Als Sohn eines Pfarrers glaubte ich immer, eine Rolle erfüllen, mich vorbildhaft benehmen zu müssen. Man muss sich das vorstellen: Meine beiden Eltern waren studierte Theologen, mein Großvater Pastor, wie sämtliche Männer in der Familie meiner Mutter und meines Vaters. Jeder, der unser Haus betrat, war Pfarrer. Die Zwänge in dem ultraprotestantischen niederländischen Nest, in dem wir lebten, bis ich elf war, waren erdrückend. Zumal meine Eltern als eher gemäßigte Kirchenvertreter den Druck von außen an mich weitergaben. Umso länger brauchte ich, um mich aus meinem Panzer zu schälen, mich als Individuum frei und stark zu fühlen und als Künstler zu entwickeln. Die eigene Kraft hängt ab von der Frage, ob man eine Identität findet, die zu einem passt und einen trägt.

Als Kind war ich einsam, hing Tagträumen nach. Ich war Voyeur und lernte, meine Umwelt wahrzunehmen. Ich kannte kein Fernsehen damals, kein Kino, keine Magazine. Das Radio brachte die Beatles in meine beklemmend überschaubare Welt. Die erste Platte bekam ich mit 14, nachdem mir meine Eltern zu Weihnachten den ersehnten Plattenspieler geschenkt hatten. Meine Arbeit erzählt davon, was es für mich bedeutete, eine Platte zu kaufen und, in meinem Zimmer eingeschlossen, aus der Hülle zu ziehen. In meinen Musikerfotos möchte ich die unendliche Sehnsucht von damals weitergeben.

Ich träumte stets davon, jemand zu sein, jemand zu werden. Ob andere meine Arbeit anerkannten, bedeutete mir viel. Nur wenn sie es taten, hatte ich das Gefühl zu existieren. Und ich begann mich erst frei zu fühlen, nachdem ich einen Redakteur durchs Telefon angeschrien hatte, der meine Fotos hatte zurechtstutzen wollen: "Wie kannst du es wagen, meine Bilder zu beschneiden?" Zwei Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal eine Kamera in der Hand gehalten. Erstmals stand ich für mich ein und fühlte mich stark.