So relativ sind Zahlen. Im "sechsstelligen Bereich", schätzt VW-Chef Bernd Pischetsrieder, liegt der Schaden für sein Unternehmen durch unkorrekte Spesenabrechnungen der weltreisenden Betriebsräte. Bereits einige Millionen Euro könnten der entlassene Skoda-Personalchef Helmuth Schuster und sein ehemaliger Kollege in der VW-Personalabteilung, Klaus-Joachim Gebauer, möglicherweise mit einem Netz von Tarnfirmen veruntreut haben. Allein sieben Milliarden Euro will der neue VW-Markenchef Wolfgang Bernhard in den kommenden Jahren sparen, um die Traditionsmarke wieder profitabel zu machen. Und der Imageschaden für VW, der durch die Korruptionsaffäre, durch Lustreisen und andere Laster entstanden ist? Der ist ohnehin nicht zu kalkulieren. Dabei ist die ganze Affäre auch mit dem Rücktritt von Personalchef Peter Hartz längst nicht erledigt. Nun gilt selbst Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch als angreifbar. Nicht wegen des Korruptionsdesasters - sondern wegen der unternehmerischen Probleme von VW.Der Skandal kommt für Volkswagen zur Unzeit. Schließlich wollten sich Pischetsrieder und sein starker Mann Bernhard ("Wir stehen am Scheideweg") nun ganz darauf konzentrieren, die Kosten radikal zu kürzen. Seit Pischetsrieder im Frühjahr 2002 den Vorstandsvorsitz von Piëch übernahm, hat er die Führungsetage bereits Stück für Stück umgebaut. Wo immer es ging, wanderte die Verantwortung fürs direkte Geschäft eine Hierarchiestufe tiefer - an die jeweiligen Markenverantwortlichen bei VW, Audi, Skoda, Seat oder Bentley. Ohne großes Aufsehen löste der Chef damit - inklusive Hartz - fünf von sieben Konzernvorständen aus der Piëch-Ära ab.Der bekennende Autonarr Piëch, dessen Großvater Ferdinand Porsche einst den Käfer schuf, war 1993 als Sanierer an die Spitze von VW gerückt. Er schaffte die Wende, erfand die berühmte Plattformstrategie, mit der ganz verschiedene Autos der unterschiedlichen Konzernmarken auf der gleichen technischen Basis gebaut werden konnten, und er durfte sich jahrelang steigender Absatzzahlen rühmen. Zwar übergab Piëch sein Amt mit einem Rekordgewinn an Pischetsrieder. Doch in der Ära des Österreichers wurden eben auch viele Fehler begangen, die zu den heutigen Problemen geführt haben.Vertrieb: Auf sechs Millionen Autos jährlich sind die Fabriken des Konzerns ausgelegt, nur fünf Millionen wurden im vergangenen Jahr verkauft. Kein Wunder, dass es als Erstes den Vertriebs- und Marketingvorstand Robert Büchelhofer erwischte. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, die Markteinführung des Luxusmobils Phaeton verpatzt zu haben. Im Konzern gibt es keinen direkten Nachfolger, die Vertriebskoordination erledigt jetzt ein Generalbevollmächtigter. Amerika: In den USA ist das Geschäft eingebrochen, lausige Qualität und der parallele Wechsel der wichtigsten Modelle Jetta und Passat gelten als die Hauptursachen. Auch der für die Konzernstrategie und das US-Geschäft verantwortliche Vorstand Jens Neumann schied ohne direkten Nachfolger aus. Währungsrisiken: Der Fall des Dollar kostete den Konzern Milliarden. Der langjährige Finanzchef Bruno Adelt, der dafür nicht vorgesorgt hatte, ging in den Ruhestand und wurde durch Hans Dieter Pötsch ersetzt. Produktionskosten: VW produziert bis zu 40 Prozent teurer als die Konkurrenz. Bei den jüngsten Modellanläufen ging regelmäßig etwas schief. China brachen die stolzen VW-Marktanteile weil VW dort auf die falschen Modelle setzte. Ende Juni verließ Produktionsvorstand Folker Weißgerber den Vorstand. Er verantwortete im Konzern auch das China-Geschäft. Die Koordination der Produktion im Konzern übernahm ein Generalbevollmächtigter. Und jetzt also Peter Hartz, den Ferdinand Piëch einst als seinen "besten Mann" bezeichnet hatte. Als Verantwortlicher für Brasilien/Südamerika musste er hohe Verluste rechtfertigen. Aber beim Personal setzte er in Wolfsburg nicht das "5000 mal 5000"-Modell durch, das seitdem als Blaupause für eine an Qualität und Leistung orientierte Bezahlung gilt. Hartz rang der Metall und den Betriebsräten im vergangenen Herbst auch deutliche Konzessionen bei den Löhnen ab. Drei Jahre lang schieben die westdeutschen VW-Werker nun Nullrunden, bei Neueinstellungen gilt der im Vergleich zum Haustarif niedrigere Flächentarif.Seltsam nur, dass bisher kein Manager für die weiteren Verfehlungen der Ära Piëch geradestehen musste. Zum Beispiel dafür, dass die besten Entwickler auf teure Bentleys, Bugattis oder schwer verkäufliche Phaetons angesetzt wurden, anstatt erschwingliche kleine Geländewagen, Vans oder Cabrios zu konstruieren, mit denen die Konkurrenz jetzt Erfolge feiert. Oder dafür, dass VW-Kunden ihren Fahrzeugen zuletzt miserable Qualitätsnoten bescheinigten.Der ehemalige Entwicklungschef Martin Winterkorn, der den zu teuer geratenen neuen Golf V den Ladenhüter Phaeton absegnete, genießt Erfolg der Nobeltochter Audi. Und Ferdinand Piëch darf weiter den Konzernaufsichtsrat leiten. Bloß: Wie lange noch?Die gravierendsten Probleme im Konzern liegen bei der Stammmarke VW. Sie soll nun der ehemalige DaimlerChrysler-Manager Wolfgang Bernhard lösen. Zwar gilt Bernhard seit der Chrysler-Sanierung als harter Hund. Aber seine Aufgabe wird durch den abrupten Abgang von Hartz eher schwieriger: Er muss die Qualität in Ordnung bringen, den Vertrieb ankurbeln und zugleich massiv sparen, bei den Zulieferern, der Technik und den Lohnkosten. Dabei hätte der Neuling im VW-Vorstand den Personalmann zumindest für die nächsten Monate noch gut gebrauchen können, um den Werkern die weiteren Grausamkeiten zu verkaufen.Sollte Bernhard nun tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass es bei VW ohne massiven Jobabbau nicht funktioniert, könnte er freilich auf eine etwas überraschende neue Große Koalition im Aufsichtsrat stoßen. Die weitaus meisten und teuersten VW-Arbeitsplätze liegen nämlich nach wie vor Land Niedersachsen. Und so könnte sich CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, der eigentlich das von seinen SPD-Vorgängern Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel unterstützte "System Volkswagen" zerschlagen will, plötzlich solidarisch Seit an Seit mit den VW-Betriebsräten wiederfinden - im Kampf um niedersächsische Jobs.