Fünfhundert Jahre ist es her, seit Montezuma II. über das blühende Großreich der Azteken herrschte. Das tragische Ende des mexikanischen Volkes ist bekannt: Der Spanier Hernán Cortés eroberte mit seinen Truppen das Land, unterwarf die Azteken und ließ Montezuma steinigen.

Derzeit erhitzt Montezuma wieder die Gemüter – nur das Ende der aktuellen Geschichte ist noch offen. So wie einst die Azteken ihre Kulturgüter vor den spanischen Conquistadores verteidigten , kämpfen nun die Sing-Akademie zu Berlin und die Veranstalter des Düsseldorfer Altstadtherbst Kulturfestivals um die Rechte an Motezuma . Die Rede ist jedoch nicht von den sterblichen Überresten des Aztekenherrschers, sondern von einerlange verschollenen Oper Antonio Vivaldis.

Vor über 270 Jahren schrieb der italienische Komponist jenes besagte Werk, das 1733 in Venedig Premiere feierte. Weitere Aufführungen sind nicht bekannt und die Partitur der Oper galt schon zu Lebzeiten Vivaldis als verschollen. Die musikalische Umsetzung der Azteken-Historie wanderte mit dem  Archiv der Sing-Akademie, der ältesten Chorvereinigung der Welt, 1943 nach Schlesien und wurde später in die Sowjetunion gebracht. Im Rahmen des Abkommens über die Rückführung von Beutekunst reiste sie im November 2001 wieder zurück nach Berlin – und erst dort entdeckte man die ungeahnten Schätze: über 5.100 Partituren, Drucke und Handschriften, darunter alleine 400 Dokumente von Carl Phillip Emmanuel Bach. 21 Passionsmusiken und 20 Kirchen- und Gelegenheitskantaten des Meisters zählen zu den Bonbons des Schatzes. Und eben die Azteken-Oper von Vivaldi.

Im Januar diesen Jahres veröffentlichte die Sing-Akademie die Partitur von Motezuma im Internet und bot sie zum Kauf an. Die Veranstalter des Düsseldorfer Altstadtherbstes waren begeistert, da die Entdeckung gut in ihr Programm passt. Alle zwei Jahre präsentieren sie eine Eigenproduktion, wobei sie Werke des Barock bevorzugen. Während am Rhein die Bühnenbildmodelle und Kostümvorschläge diskutiert und die ersten Sänger engagiert wurden, zeigte sich die Akademie in Berlin nicht sehr erfreut, als sie von den Plänen der szenischen Umsetzung erfuhren. Zwar hatte es bereits eine Aufführung der Oper in Rotterdam gegeben, diese jedoch war eine rein konzertante Produktion gewesen.

Im März teilte die Sing-Akademie dem Dirigenten der Düsseldorfer Vorführung, Federico Maria Sardelli, mit, dass es keine Genehmigung für die Inszenierung gäbe, denn die Berliner glauben mit der Veröffentlichung der Partitur im Internet einen Rechtsanspruch auf die selbe Partitur erworben zu haben. Die Veranstalter des Altstadtherbstes teilen dieses Rechtsverständnis jedoch nicht und sahen keinen Grund, weshalb sie die Geschichte des Aztekenkönigs nicht auf die Bühne bringen sollten. "Die Notwendigkeit einer Einigung stand nicht zur Debatte", sagt Claudia Holthausen vom Altstadtherbst. So wurde die Vivaldi-Oper mit viel Energie, Schweiß und nicht zuletzt Geld produziert – und prompt verboten. Das Landgericht Düsseldorf gab einem Antrag der Sing-Akademie statt und ließ per einstweiliger Verfügung die Oper platzen. Zumindest in Italien: die Aufführung ist eine Koproduktion des Altstadtherbstes mit einem italienischen Opernfestivals in Barga, und dort sollte am vergangenen Samstag die Premiere stattfinden. Nun wird dort eine Version der Oper zu sehen sein, die so verändert wurde, dass sie rechtlich unbedenklich ist.