Sagen wir es undramatisch: Das Verhältnis zwischen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und ihrem Vorgänger Wolfgang Schäuble war in den vergangenen Jahren nicht immer spannungsfrei. Noch vor wenigen Monaten hätte wohl niemand mehr auf gemeinsame Perspektiven gewettet. Sie hatte ihn nicht zum Präsidenten gemacht. Oder die zugespitzte Version: Sie habe Guido Westerwelle benutzt, ihn zu verhindern. Als sie Wolfgang Schäuble dann im vergangenen Herbst darum bat, die Nachfolge für Friedrich Merz anzutreten, lehnte er ab.

Es wirkte wie eine Revanche. Merz, der in seiner Partei hoch geschätzte Finanzexperte, hatte mit einem kalkulierten Abgang Merkels innerparteiliche Isolation demonstrieren wollen. Und Schäuble war ihr nicht beigesprungen.

Dieses Kapitel schien zu Ende. Doch nun, nach dem 22. Mai, der in Berlin fast alles verändert hat, stimmt auch das nicht mehr. Das geht Hand in Hand, so klingt es nun aus beiden Richtungen, das Verhältnis sei wieder offener geworden. Als an diesem Montag die Vorstände von CDU und CSU das gemeinsame Programm berieten und sich die Debatte allzu sehr im Klein-Klein verhakte, war es Schäuble, der irgendwann das Wort nahm, die große Linie zog und die Klarheit und Perspektive des Programms würdigte. Fast schien es hinterher, als habe er die Debatte gerettet.

Schon am Tag nach der NRW-Wahl hatte Schäuble diese so eingeschätzt: Die Regierung sei am Ende, nun brauche man ein Programm, hatte er intern erklärt, das durch Offenheit und Präzision die Politik legitimiere, die man nach einem Sieg verwirklichen wolle. Die Aussicht auf eine unionsgeführte Regierung hat den Ex-Vorsitzenden sichtlich beflügelt. Seither gehen Schäuble und Merkel öfter mal miteinander essen.

Ist das wirklich überraschend? Für eine künftige Kanzlerin Merkel läge etwas Mutwilliges darin, wollte sie auf die Unterstützung des erfahrensten Politikers ihrer Partei einfach verzichten. So reich ist die Union dann doch nicht mit Talenten gesegnet. Zudem muss sie wenigstens einen ihrer ehemaligen Widersacher in ihre Regierungsmannschaft integrieren. Und umgekehrt gilt: Man darf Schäuble ohne weiteres einen starken Willen unterstellen, sich noch einmal an einem Reformversuch des Landes zu beteiligen. Da würde ein getrübtes Verhältnis zur Vorsitzenden nur schaden. Schäuble am Rande - das liegt weder in seinem noch in ihrem Interesse.

So sieht es wohl auch die Vorsitzende. Für sie reist Schäuble demnächst nach Moskau und Washington. Danach wird die Kanzlerkandidatin ihn in ihr Kompetenzteam berufen, zusammen mit Peter Müller, Günther Beckstein, Annette Schavan, Ursula von der Leyen, vielleicht sogar Roland Koch. Schäuble wird für Außen- und Sicherheitspolitik zuständig sein. Aber genauso gut könnte er in Becksteins Rolle als Innen- und Rechtsexperte schlüpfen, statt Müller die Sozialpolitik übernehmen oder vielleicht, statt Koch, die künftige Finanz- und Wirtschaftspolitik erklären.

Wolfgang Schäuble ist der einzige Politiker der Union, der auf allen Feldern als einsetzbar gilt, ohne dass jemand auf die Idee käme, an seiner Eignung zu zweifeln. Er ist Generalist mit flächendeckender Sachkenntnis. Natürlich weiß er, dass ihm das nicht nur förderlich ist. Seit er in der Fraktion die Außen- und Sicherheitspolitik betreut, hält er sich mit Kommentaren auf anderen Feldern zurück. Dass er vieles besser weiß, bezweifelt kaum einer. Umso mehr versucht Schäuble den Eindruck des Besserwisserischen zu vermeiden.