Otto Schily hat Zeit. Für seine Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuss zur Visa-Affäre schöpft der Bundesinnenminister seinen gesamten Rede-Spielraum aus. Er will nichts auslassen und breitet das gesamte Aktenwissen seiner Behörde vor dem Ausschuss aus. Ausführlich zitiert er aus Ordnern in teilweise minutenlangen Sätzen auf Bürokratendeutsch. Damit dient er inhaltlich der sachlichen Vollständigkeit des Informationsstandes. Doch die Taktik ist klar: Die Ausschussmitglieder sollen zermürbt werden.

Und so intervenieren die Oppositionspolitiker. Siegfried Kauder kritisiert, dass „endloses zitieren von Urkunden“ nicht der Rolle eines Zeugen vor dem Ausschuss entspräche. Hans-Peter Uhl bemerkt „eine sich ausbreitende Ungeduld, weil wir noch zu Fragen kommen wollen.“ Unbeeindruckt lehnt sich Schily zurück: „Von mir aus tagen Sie 20 Stunden“. Er wäre nur dankbar, wenn die Vernehmung vor Samstagmorgen abgeschlossen sein könnte, denn er wolle in den Urlaub fahren. „Sonst bekomme ich es mit meiner Frau zu tun.“

Nach etwa zwei Stunden greift Uhl den Innenminister erneut ein: Es gehe nicht darum, den von Fischer aufgestellten Rederekord von mehr als zwei Stunden zu übertreffen. Auch diesen zweiten Einwand der Opposition belächelt Schily: „Ich werde von meinem Recht als Zeuge Gebrauch machen, ausführlich die Sachlage darzustellen.“ Er ergänzt trocken: „Sie müssen sich schon damit abfinden! Schließlich haben Sie die Beweisaufnahme fortgesetzt.“

Und so redet Schily weiter und weiter und weiter. Die sensationsgierigen Medien, ohnehin vom Thema Visa-Affäre abgerückt, werden genauso durch die langatmige Aussage ermüdet wie die Ausschussmitglieder. Einem macht das sichtlich Freude: Schily wird sein Plädoyer fortsetzen - über die Redaktionsschlüsse hinaus und seinetwegen auch in seinen Urlaub hinein. Er hat Zeit. ( Adrian Pohr )