Wenn man einen der Harry-Potter-Wälzer ausgelesen hat, bleibt man ziemlich hilflos zurück: Und jetzt? Was bitte soll ich jetzt lesen? Und eigentlich könnte ich hier schon aufhören. Denn ein besseres Argument für die Lektüre eines Buches in der Schule gibt es nicht. Ja, macht die Schüler süchtig nach Büchern. Und so richtig süchtig wird man, wenn man möglichst dicke Bücher verschlingt, in deren Welt man über lange Zeit aufgehen kann - indem das Buch einen entführt, indem es erlaubt, die eigene Wirklichkeit in anderem Kontext wiederzuentdecken, eigene und fremde Ängste und Abgründe wahrzunehmen und indem es Vorbilder anbietet. Harry Potter kann das.

Und wenn die Schüler ohnehin schon süchtig nach Harry Potter sind? Ist es trotzdem keine verschwendete Zeit, es in der Schule zu besprechen. Lasst sie ihre Leidenschaft in Worte fassen, die Charaktereigenschaften der Streberleiche Hermine, des linkischen Ron, von Hagrid und vom undurchsichtigen Severus Snape analysieren. Lasst sie die Dramaturgie ergründen: Wie entsteht die Spannung? Wie der Witz? Lasst sie sowohl die Regeln von Quidditsch erklären als auch darüber nachdenken, dass das Böse nicht nur von außen kommt, sondern manchmal aus einem selbst herausbricht. J.K. Rowling stößt ihre Leser auf intelligente Weise auf Themen wie Rassismus oder das koloniale Erbe des britischen Empire.
Klar: Harry Potter ist auch Action - und manchmal so kitschig, dass man heulen möchte. Macht nichts. Denn sogar eine literaturwissenschaftliche Analyse lohnt sich. Harry Potter kann im Rahmen anderer Internatsgeschichten des 19. Jahrhunderts gelesen werden; die Autorin reflektiert Werte wie Gemeinschaftsgefühl und Sportlichkeit, die beispielsweise in Tom Browns School Days propagiert werden, innerhalb der modernen britischen Gesellschaft.

Nun heißt es, die Leidenschaft weiter kochen zu lassen! Nach dieser Lektüre trauen sich vielleicht auch die Schüler, die nur ausnahmsweise mal lesen - Harry Potter halt - an eine komplexere Sprache, an ein ferneres Sujet heran. Wenn der Lehrer glaubhaft machen kann, dass die Klasse wieder über Charaktere spricht, die sie etwas angehen - warum nicht danach gleich noch einmal auf die Suche nach Gut und Böse, nach Liebe und Tod, nach Freund- und Feindschaft gehen, beispielsweise bei Shakespeare: bei Macbeth oder bei Othello? Oder bei Thomas Mann: Der hat eine Erzählung über einen nach Identität suchenden Schüler geschrieben - Robert Musil sogar einen Internatsroman.

Am besten liest sich Harry Potter wohl im Englisch-Unterricht. Zu allererst natürlich, weil man ihn dann schon ganze zweieinhalb Monate vor den anderen gelesen hat, die auf die deutsche Ausgabe warten müssen. Lehrer können über Verständnisschwierigkeiten hinweghelfen. Und: Wie könnte man besser ein Gefühl für eine Sprache bekommen, als wenn man mit den Menschen lebt, die sie sprechen - und das über 800 oder mehr Seiten. Also: Macht Schüler süchtig danach, ein Buch im Original zu lesen und die Feinheiten des Sprachwitzes der Autorin zu ergründen.

Ein einziges Argument gegen die Lektüre von Harry Potter in der Schule fällt mir doch ein: Es gibt Lehrer, die Literatur so präsentieren, dass jede Zeile schwer und müde macht, dass Unterhaltung, Sex und Crime tabu sind. Sie werden den Schülern sogar den Harry Potter versauern. Diese Sorte Lehrer sollte bitte diesem Link zum Contra-Harry-Potter-in-der-Schule folgen und da weiter lesen.