Die unangenehme Vokabel "unausweichlich" hat ihm sein Vorgänger hinterlassen. Kurz vor seinem Abschied machte der damalige Chef der Londoner Polizei, Sir John Stevens, mit der Aussage Schlagzeilen, ein großer Terroranschlag auf London sei "inevitable", also nur eine Frage der Zeit. Sir Ian Blair, seit Anfang des Jahres als Commissioner der Londoner Metropolitan Police oberster Dienstherr von 48.000 Polizisten in der britischen Hauptstadt, benutzte den Begriff dagegen  lieber in einem leicht abgewandelten Sinne: Es sei "unausweichlich", sagte er kurz nach seinem Amtsantritt im Februar 2005, dass "mit al-Qaida verbundene Terroristen versuchen werden, in London schreckliche Anschläge zu verüben."

Vor sieben Tagen ist die Prophezeiung eingetroffen . Vorher hatte die Polizei eine Reihe von Anschlägen vereiteln können, dann versuchten es vier junge Männer zwischen 19 und 30 Jahren, drei aus dem nordenglischen Leeds und in Großbritannien geboren, am Morgen des 7. Juli – und kamen durch. Mindestens 49 Menschen rissen die mutmaßlichen Selbstmordattentäter in den Tod. Offenbar hatten sie sich nicht, wie zum Beispiel in der palästinensischen Hamas üblich, den Sprengstoff auf den Körper gebunden, sondern sie führten ihn in Rucksäcken mit sich. Seitdem tut Sir Ian Blair vor allem eins: Land und London beruhigen und die Medien mit knappen und präzisen Aussagen bedienen, während sein Stellvertreter, Andy Hayman, die Fahndung leitet.

Der 51jährige Commissioner betont gern das Positive, auch in seinem heutigen Gespräch mit Journalisten internationaler Medien. In jeder Katastrophe, bemerkte Blair, lägen auch Hoffnung und Chance. Die Tatsache, dass es sich um die ersten Selbstmordattentäter aus Großbritannien handelt, die auf heimischen Boden zuschlugen, macht laut Sir Ian Blair die Untersuchung unmittelbar eher leichter als schwieriger, beispielsweise die Aufklärung ihrer Lebensumstände und Verbindungen.

Langfristig müsse man sich aber an die Tatsache gewöhnen, dass "unter uns Menschen leben, die diese spezielle Ideologie akzeptieren". Man müsse dieser vor allem in den muslimischen Gemeinden begegnen, für die nun die große Chance bestehe, eng mit dem übrigen Großbritannien zusammenzuarbeiten. Es spreche übrigens für das funktionierende Zusammenleben in der Metropole, dass es in London, im Gegensatz zu anderen Landesteilen, noch nicht zu Übergriffen auf Muslime gekommen sei. Bislang habe die Acht-Millionen-Metropole 50 "Vorkommnisse" registriert, in der Mehrzahl anti-muslimische Graffiti – so etwas ist unschön, aber eben kein Verbrechen.

Blair zufolge gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit hervorragend, Hilfe komme aus allen Teilen der Welt. Es gebe engen Zusammenhalt in der Polizei- und Sicherheits-"community" rund um den Globus, allerdings laufe die Kooperation mehr informell und über persönliche Kontakte als durch Institutionen. "Es geht eher nach der Devise, dass man weiß, wen man wo am besten anruft", sagte Blair. Es werde auch noch "eine lange Weile" dauern, bis in der EU Strukturen existierten, die mit solchen Ereignissen umgehen könnten.

Hatte er damit gerechnet, schon so bald nach seiner Amtsübernahme mit einem Terroranschlag dieses Ausmaßes konfrontiert zu sein? Er sei seit über 30 Jahren Polizeibeamter, gibt er ernst und bescheiden zurück, und habe in London während der IRA-Bombenkampagnen seit den 1970er Jahren Dienst getan. Dann lächelt Sir Ian Blair einen Moment und sagt mit feinem Understatement: "Bislang war diese Woche ganz in Ordnung."