Das ist die Stunde des Krisenmanagements: Der Chip-Konzern Infineon bemüht sich derzeit, den von seinem Vorstandsmitglied Andreas von Zitzewitz angerichteten Schaden zu ermitteln und zu begrenzen. Von Zitzewitz war wegen Korruptionsvorwürfen - es geht um Schmiergeldzahlungen in Höhe von 259.000 Euro - am vergangenen Samstag zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und weitere Manager wegen des Verdachts der Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung.

Ein Unternehmenssprecher verwies darauf, dass der Konzern schon im vergangenen Jahr Hinweise auf unerlaubte Geschäfte von Zitzewitzs gehabt habe. Damals seien aber keine Belege für ein Fehlverhalten gefunden worden. Selbst ermitteln will Infineon allerdings nicht; das zu tun sei Sache der Staatsanwaltschaft.

Solche Äußerungen offenbaren ein merkwürdiges Verständnis von guter Unternehmensführung. Schon im Frühjahr 2004 soll der Aufsichtsrat also von den Schmiergeldvorwürfen gewusst haben - und tat nichts. Weil von Zitzewitz das vom ihm geführten Speicherchipgeschäft, das vierzig Prozent des gesamten Konzernumsatzes erwirtschaftete, in diesem Jahr an die Börse bringen sollte? Immerhin stieg die Infineon-Aktie das erste Mal seit langem, als das Gerücht vom Börsengang aufkam. Oder erkannte der Konzernvorstand auf den Grundsatz in dubio pro reo, weil es keine Beweise dafür gab, ob Bestechungsgelder geflossen waren? Wenn dem so ist: Warum dann gilt die Unschuldsvermutung jetzt nicht mehr?

Mit einem Mal sieht Konzernchef Wolfgang Ziebart den Vorstand "in besonderer Weise" verpflichtet, vorbildlich zu handeln: "Eine laufende Untersuchung mit diesen Vorwürfen ist eine große Belastung, ein Rücktritt insofern konsequent." Dabei musste sich von Zitzewitz bislang weder einem Prozess stellen, noch ist schon irgendein Urteil gefällt. Die Staatsanwaltschaft München I hat lediglich die Infineon-Zentrale und weitere Büros und Privathäuser durchsucht, dies allerdings mit großem Aufwand und Publizität. Welche Beweise die Beamten jedoch fanden, ist bislang nicht bekannt. Der leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld sagte am Montag lediglich, nach vorsichtiger Bewertung der bisherigen Ermittlungsergebnisse habe sich der Verdacht der Zahlungen bestätigt.

Ein weiterer Fall selbstherrlichen Managements also in einer Landschaft, wo zugreift, wer zugreifen kann ? Die Korruption in Deutschland nimmt zu, dieser Eindruck verbreitet sich aufgrund der jüngsten Ereignisse. Doch die Umstände unterscheiden sich. Sowohl bei Mercedes , wo sich im Frühjahr dreizehn Mitarbeiter mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sahen, als auch in den Fällen der VW-Skoda-Manager war es die jeweilige Innenrevision der Konzerne, die die Tatbestände aufdeckte und der Staatsanwaltschaft anzeigte. Infineon ist ein anderer Fall: Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil der Betreiber einer Beratungsfirma in einem Gerichtsverfahren von Schmiergeld-Zahlungen sprach, die an von Zitzewitz geflossen seien. Das Unternehmen selbst tat zunächst wenig, um die Ereignisse aufzuklären.

Doch alle drei Beispiele zeigen, dass für die Unternehmen ihr Umgang mit den Korruptionsaffären keine Frage des Anstands allein mehr ist, sondern mindestens so sehr eine geschäftliche. Der entstandene Imageschaden trägt dazu bei, dass sich potentielle Käufer zurückhalten. VW und Mercedes trifft das besonders hart. Beide Unternehmen stehen wegen hoher Preise und Qualitätsmängeln an ihren Wagen ohnehin in der Kritik. Infineon hat ebenfalls Mühe, sich zu behaupten. Die ehemalige Siemens-Tochter kämpft mit einem Preisverfall für Speicherprodukte, die in Computer eingebaut werden, und mit starken Anbietern aus Fernost.

In einer solchen Lage sind Staatsanwälte im Haus das letzte, was ein Unternehmen brauchen kann. Die Vorstände reagieren deshalb in der Regel schnell und hart, wenn Strafverfolger sich bei ihnen umtun: Das hat eine Forschergruppe um den Kriminologen Klaus Boers von der Universität Münster beobachtet. In aller Regel würden beschuldigte Manager - jenseits aller Unschuldsvermutung - ihrer Funktion enthoben. Nicht, weil moralische Kodices einzuhalten wären. Sorge bereitet eher die vermutete negative Publizität und die eingeschränkte berufliche Belastbarkeit der Manager.