Das Internet ist anarchisch. Das ist bekannt, wird aber meistens auf die Inhalte und die Kommunikation im Netz bezogen. Weniger bekannt ist, dass auch die Institutionen, die über das Internet befinden, anarchisch sind, keiner Herrschaft gehorchen. Ein Dutzend Verbände, Komitees, Privatfirmen und Normierungsbehörden haben zu den unterschiedlichsten Punkten das Sagen. Das ist historisch gewachsen und hat sich im Großen und Ganzen bewährt.

Nun aber wollen Machtgebilde Stimme und Einfluss haben, die mit dem Internet bisher nur am Rande zu tun hatten. Einige Staaten, allen voran die aufstrebenden asiatischen Länder, reiben sich  an der europäisch-nordamerikanischen Dominanz im Internet. Bis zum 2. Weltgipfel der Informationsgesellschaft , der  im Dezember in Tunis stattfinden soll, erarbeitet eine von UN-Sekretär Kofi Annan eingerichtete Working Group on Internet Governance Vorschläge, wie die Interessen anderer Staaten zur Geltung kommen können. Bisher hat die Arbeitsgruppe verschiedene Modelle produziert, die Kritiker als ein byzantinisches System ineinander verschachtelter neuer Behörden bezeichnen. Besonders umständlich ging man bei der Behörde zu Werke, die die Namen im Internet verwalten und die sogenannten Root-Server des Domain Naming System betreiben soll. Diese Server geben praktisch Auskunft darüber, welche Adresse sich beispielsweise hinter www.zeit.de verbirgt.
Werden sie abgeschaltet, ohne dass ihre Funktion von Cache-Computern übernommen wird, könnte es massive Störungen im Internet geben. Ganze Länder könnten durch Löschen in den Verzeichnissen von der Internet-Landkarte verschwinden.

Eine WICANN, eine World Internet Cooperation for Assigned Names and Numbers soll gegründet werden und künftig diese Server kontrollieren. Dieses zum Weltgipfel zu installierende Gremium soll die amerikanische ICANN ablösen, die bis heute die Namen verwaltet. Die WICANN soll von Regierungen und Privatfirmen beschickt, von Regierungsvertretern beaufsichtigt und von öffentlich gewählten Kandidaten beraten werden.

So weit, so unklar, sagt nun die ICANN unter dem Druck amerikanischer Regierungsvertreter
und erklärt, dass alles beim alten bleiben soll. Die amerikanische Regierung besteht darauf, die Root Server unter Kontrolle zu haben, weil sie den Cyberspace nicht mehr als großen freien Raum betrachtet, sondern vor allem die " Cybersecurity " im Auge hat, die amerikanische Infrastrukturen schützen soll.

Im Grunde wird das Nein aus Amerika durch die Working Group for Internet Governance indirekt bestätigt, weil ihr voluminöser Schlussbericht keine detaillierten Empfehlungen ausspricht. Wo keine konkrete, mit entsprechenden Vollmachten ausgestattete Behörde zur Internet-Verwaltung vorgeschlagen wird, haben es die Amerikaner sehr einfach mit der Aussage: "Wir machen weiter, bis ihr eine vernünftige Lösung habt. (Und was wir für vernünftig halten, bestimmen wir.)"

Zum großen Weltgipfel in Tunis ist jedenfalls keine Neuordnung der Internetverwaltung in Sicht. Viel eher dürfte eine neue Arbeitsgruppe gebildet werden. Die International Telecommunication Union (ITU), die den Weltgipfel in Anlehnung an den Weltpostverein zelebriert, stört es wenig. Sie hat ja Erfahrungen: Das erste große Vertragswerk der ITU war der Weltpostvertrag von 1878, der die Regeln für den internationalen Briefverkehr setzte. Es brauchte vier Jahre, diesen Vertrag auszuhandeln.