Wieder musste ein Schleichwerber seinen Stuhl räumen. Der Geschäftsführer der Produktionsfirma Bavaria Film, Thilo Kleine (52), ist wegen der Schleichwerbungsaffäre in seinem Unternehmen am Donnerstag fristlos entlassen worden. Das Vertrauensverhältnis der Bavaria-Gesellschafter zum für die Produktion verantwortlichen Geschäftsführer sei "so nachhaltig gestört, daß eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit nicht mehr gewährleistet werde".

Am Mittwoch hatte bei Studio Hamburg bereits Frank Döhmann dieses Schicksal ereilt. Der letzte offizielle Brief von Döhmann an die Tochtergesellschaft des NDR liest sich wie das schriftliche Geständnis eines Verbrechers. Döhmann gibt zu, sich an den Sitten und Gesetzen vergangen zu haben, die für jeden öffentlich-rechtlichen Sender gelten. Theoretisch tun sie das jedenfalls.

Döhmann hatte vor nicht allzu langer Zeit dort angeheuert, um wichtige Produktionen zu leiten. In seine Verantwortung fielen Tatort Hamburg, Tatort Kiel, Tatort Niedersachsen, Berlin Berlin, Die Rettungsflieger und das Großstadtrevier . Allesamt gehören diese Sendungen zu den Aushängeschildern im öffentlich-rechtlichen Programm von ARD und ZDF.

Das eigentliche Problem daran ist: Frank Döhmann wäre wahrscheinlich weder aufgefallen noch entlassen worden, wenn es nicht zuvor den Skandal um Schleichwerbung in der Bavaria in München gegeben hätte. Die Mehrheit seiner Kollegen mag seinen Versuch, Geld von einer Lotto-Gesellschaft einzuwerben, abgelehnt haben. Aufgeschrien hat offenbar niemand, was zu der Frage führt, was dieser Fall über die Unternehmenskultur bei Studio Hamburg sagt. Gemeinsam mit der systematischen Schleichwerbung bei der Bavaria und weiteren Fällen im ZDF aus den vergangenen zwei Jahren, ergibt sich ein Bild:

Sicher nicht die Mehrheit, aber doch ein erschreckend großer Teil der Angestellten im öffentlich-rechtlichen System tritt ihren Auftrag mit Füßen. Sie haben vergessen, wem sie verpflichtet sind. Von wem sie jeden Monat ihr Gehalt bekommen. Wer sie dafür bezahlt, dass sie ihr Bestes geben, um ein unabhängiges, exzellentes und nur nach journalistischen Kriterien geformtes Programm zu machen. Das Bittere ist: Die leitenden Etagen müssen über Jahre zumindest ein Desinteresse an diesen Fragen an den Tag gelegt haben. Jeder Experte für Organisationspsycholgie oder Corporate Governance käme unausweichlich zu diesem Schluss.

Zudem haben sogar die Intendanten selbst immer wieder – und zwar gemeinsam mit den Medienpolitikern aller Bundesländer – öffentlich-rechtliche Grauzonen gefördert. Sie sorgten beispielsweise dafür, dass im Rundfunkstaatsvertrag ein Passus steht, der es den Sendern erlaubt, Geld oder Sachleistung von denen zu verlangen, über die sie berichten, wenn sie ihre Berichterstattung über das normale Maß hinaus ausdehnen. Was bitte schön heißt das dann wohl? In einem anderen Fall wurde monate-, ja jahrelang in den Chefetagen geduldet, dass Redaktionen den Etat für ihre Sendung mit 0190er-Nummern aufbesserten.

So ist es beinahe unausweichlich, wenn sich eine Kultur der Duldung und des Wegschauens ausgebreitet hat. Heute wirkt in ARD und ZDF schon derjenige als Asket, der sich an die Maßstäbe hält, denen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Existenz verdanken.