Hemmungslose Lust und das schwache menschliche Gedächtnis arbeiten weiterhin für das Aids-Virus. Schon haben die Menschen wieder häufiger ungeschützten Geschlechtsverkehr, das belegen die steigenden Zahlen von Syphilis-Fällen in Deutschland und in Großbritannien die zahlreichen Teenager-Schwangerschaften. Pharmazie hilf! Die Pille danach, gegen ungewollte Schwangerschaften, gibt es schon. Nützlich wäre außerdem noch ein medikamentöser Schutzschirm gegen Aids-Viren. Tenofovir könnte das Mittel heißen. Es soll vor dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden und den Betreffenden vor einer Infektion bewahren. Ein ideales Mittel für Prostitutierte, die sich gegen ihre drängenden Freier nicht wehren können.

Tenofovir ist zur Zeit das heißeste Eisen in Aids-Kreisen. Es wirft erneut all jene ethisch-moralischen Fragen auf, die sich im Umfeld der Aids-Pharmaforschung stellen können. Auf der 15. Internationalen Aids Konferenz in Bangkok wurden Versuche mit dem Mittel erregt diskutiert. Die einen sehen in Tenofovir eine Möglichkeit, endlich der menschlichen Unvernunft Rechnung zu tragen, die anderen klagen über unmoralische Pharma-Tests in Entwicklungsländern. Denn wie immer, wenn eine Aids-Prophylaxe ausprobiert wird, muss man die Test-Personen bewusst einem Infektionsrisiko aussetzen.

Französische Aids-Aktivisten von Act Up-Paris gingen auf die Barrikaden. Sie warfen Kambodscha und Kamerun vor, sie hätten die Teilnehmer einer Testserie nicht genügend betreut und beim Versagen der Prophylaxe nicht ausreichend medizinische Hilfe in Aussicht gestellt. Eine Zwickmühle ergebe sich außerdem aus der Richtlinie 29 der Helsinki-Deklaration. Die besagt, dass medizinische Maßnahmen nur gegen die beste, schon bekannte Prophylaxe getestet werden dürfen. Das aber bedeutet, dass die Teilnehmer aufgeklärt und mit reichlich Kondomen ausgerüstet werden müssten. Doch wenn sich alle Prostituierten schützen, infiziert sich kaum noch jemand – was für den Versuch kontraproduktiv wäre. Act up will deshalb gegen alle sechs Test-Reihen angehenn, die 2005 gestartet wurden oder noch beginnen sollen. Jerome A. Singh vom südafrikanischen Aids-Forschungsprogramm findet diesen Aktivismus ganz und gar unverantwortlich. Schwerwiegende Risiken gäbe es schließlich bei allen klinischen Versuchen.

Wer gegen Aids forscht, muss sich auf den Sex einlassen, das ist unvermeidbar. Auch für einen gelungen Test von Aids-Impfstoffen müssen zumindest ein paar Probanden unvernünftig sein. Der Preis wäre immerhin ein dringend gesuchtes Mittel, die Seuche wirklich in den Griff zu bekommen. Bei Tenofovir aber liegt die Sache anders. Tenofovir wäre ein Tribut an die ignorantesten Menschen, die mit ihren gleichgültigen Handlungen aktiv Aids befeuern.

Stiftet eine solche Option nicht erst viele Freier und kondomgehemmte Jugendliche an? Auch die wirksamen Aids-Medikamente haben den Schrecken gemildert und wurden auf diese Weise zum Motor neuer Sorglosigkeit. Eine heikle Nutzen-Risiko-Berechnung steht an. Wird das Mittel auf die wenigen Problemkreise beschränkt bleiben oder verkommt es zum "Lust-Booster" in Viagra-Kreisen? Es ist die immer gleiche Frage, die auch schon die Pille danach, die Abtreibungspille RU 486 und das Kondom selbst umkreist.

Darf man an der Realität vorbei Treue und Abstinenz als einziges Mittel gegen Aids & Co empfehlen? Selbst in Uganda dem gelobten Land von „Abstinenz, Treue und Kondomen“ scheint die Rechnung nicht perfekt aufzugehen. Zwar gilt Uganda als das Paradebeispiel dafür, dass die Moral-Formel wirkt, die Infektionsraten sanken in den vergangenen 15 Jahren drastisch. Erstaunlicherweise aber fiel selbst im südlichen Rakai-Distrikt die Zahl der Aidsinfizierten. Und dort ist Treue und Abstinenz ein Fremdwort. Eine genauere Analyse zeigt, dass dort einfach so viele Menschen an Aids gestorben waren, dass sich niemand mehr anstecken konnte. Andernorts wurden inzwischen wieder höhere Infektionsraten gemeldet. Auch in Uganda bleibt also der Zweifel, ob der Mensch sich mental dem Virus widersetzen kann.

Aus diesem Grund bleibt wohl keine andere Wahl, als sich ein Mittel wie Tenofovir widerstrebend zu wünschen. Die Testbedingungen für die Sexarbeiter müssen indes allen europäischen ethischen Standards genügen. Selbst um den Preis, dass der Versuch misslingt.