"Auf die Plätze, fertig, los!" hieß es früher ab und an im Sportunterricht, wenn ein mutiger Lehrer ein gurkendickes Hanfseil aus der hintersten Ecken des Geräteraums holte, die Klasse in zwei Gruppen aufteilte und diese so feste dran ziehen ließ, bis die Hände blutig waren und am Ende alle schreiend übereinander purzelten. Bei den World Games in Duisburg treten keine Schülermannschaften zum Kräftemessen an und das Kommando, auf das die sechs weltbesten Teams hören, lautet etwas spezifischer "Seil auf, spannen, fertig, pull!" Bis der internationale Ausruf für die eigentliche Essenz des Tauziehens erklingt, scharren die Athleten kräftig mit den Hufen. Mit Stiefeln wie sie Reinhold Messner auf seinen Bergausflügen anzieht, stampfen sie sich Furchen in den Rasen und verwandeln diesen binnen Sekunden in einen Acker, fertig, die Saat zu empfangen.

Das Seil ist also gespannt - wie das Publikum. Ertönt das "Pull!" erwarten die Zuschauer in der ausverkauften Arena ein wildes Drauflosgeziehe, zerrende, zurrende Maschinen, die schnellstens den Gegner über die Linie zwischen den Kontrahenten reißen wollen, was einen Punkt - von zwei zum Sieg benötigten - zur Folge hätte. Doch zunächst ist fast Stillstand. Die Kräfte sind ausgewogen, die Sportler lehnen angespannt in ihren ertrampelten Löchern, die das Wegrutschen verhindern. Legen sich doch mal zu viele Zieher aus einer sechsköpfigen Seilschaft auf den Hosenboden, spricht der Kampfrichter eine Verwarnung aus, deren zwei einen Sieg des Gegners bedeuten.

Da es für die von einer derartigen Kraftprobe zwar begeisterten Zuschauer mit der dann doch Zeit langweilig wäre und der Sport ohne Bewegung sicher nicht die am Samstag erlebte Popularität hätte, kommt dann doch nach einigen Sekunden Dynamik in den Wettkampf. Die Trainer kauern kniend neben den austrainierten Sportlern und lauern auf Schwächen des Gegenübers, um von ihren Mannen einen überraschenden Ruck zu fordern, den das gegnerische Sextett nicht mehr kontern kann. "Da kommt es nicht nur auf Kraft, sondern auch aufs Köpfchen an", weiß der Stadionsprecher die taktischen Maßnahmen einzuordnen.

Bei dieser "schwersten" Disziplin des Tauziehens, bei dem ein Team zusammen maximal 680 Kilogramm auf die Waage bringen darf, kam der Titelverteidiger aus Holland nicht richtig zum Zuge. Ein holländischer Familienvater, der sich in seinen einsamen Anfeuerungsrufen gegen eine Horde Schweden und Kuhglocken bimmelnder Schweizer durchsetzen musste, war nach den Eröffnungsbegegnungen der Resignation nahe, schließlich ließ sich der Welt- und Europameister die ersten beiden Runden jeweils über die Grenzlinie ziehen, während sich die Schweden bis ins Finale keine Blöße gaben. die Holländer schafften es schließlich doch noch bis dahin. Die Kuhglocken verstummten im Halbfinale, die Schweden packten die aufgeschnallten Plastik-Elchhörner wieder ein. Nicht wirklich unzufrieden, da sie einer Überraschung nahe waren. So richtig glücklich strahlten aber der einsame Holländer, die Sonne und natürlich viele begeisterte Zuschauer einer Sportart, die zwischen 1900 und 1920 schon mal olympisch war.