Eigentlich war alles schon entschieden. Nur für den Wahltermin im Herbst brauchte es noch das Wort des Bundespräsidenten. Als sei der Machtwechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb bereits vollzogen, so wirkte es manchmal in den vergangenen Wochen. Manche in der Union spekulierten bereits auf die absolute Mehrheit. Inzwischen haben sinkende Umfragewerte der CDU/CSU einen sommerlichen Stimmungsdämpfer verpasst. Wird es wenigstens für Schwarz-Gelb reichen? Die Frage ist wieder offen. SPD-Politiker glauben dagegen ganz entschlossen an den ersten Hoffnungsschimmer seit langem.

Die Große Koalition. Beim Wahlvolk ist sie von jeher populär. Vielleicht, weil sie so selten zustande kommt. Ein einziges Mal, vor fast vier Jahrzehnten, regierten Union und SPD gemeinsam die Republik. Es war ein kurzes Intermezzo, nicht einmal eine Legislaturperiode lang. Doch eine Neuauflage der politischen Elefantenhochzeit wünschen sich derzeit 42 Prozent der Wähler, weit mehr als jede andere denkbare Regierungskonstellation.

Seit die Große Koalition Ende der sechziger Jahre zum Aufschwung der Rechtsradikalen führte, gilt in Deutschland die politische Faustregel: Eine Regierung der beiden Großen stärkt die Extremen. Kurioserweise blüht uns nun womöglich der umgekehrte Fall: Weil sich am linken Rand gerade eine neue Partei etabliert, droht nun die Große Koalition. Drei linke Parteien im Parlament – SPD, Grüne und Linkspartei – gefährden zumindest den sicher geglaubten schwarz-gelben Wahlsieg, zumal die Union seit Wochen an Zuspruch verliert.

In einer konsensorientierten Gesellschaft steht die Große Koalition für das vermeintliche Ende des Parteienstreits, für ausgewogenes, maßvolles Regieren und eine Art institutionalisierte "good governance". Doch in der aktuellen Situation bedeutete sie etwas anderes: den verpassten Neubeginn für die Union, eine gefährliche Täuschung für die Sozialdemokratie und die falsche Alternative für das Land. Eine Große Koalition würde die begonnenen Reformen nicht weiter vorantreiben. Nur vom Wahlergebnis erzwungen, wäre das unfreiwillige Bündnis hauptsächlich damit beschäftigt, seine inneren Widerspüche zu vermitteln und zu moderieren. Das aber wäre die Fortsetzung des leidigen Verfahrens, zu dem die rot-grüne Bundesregierung mit den unionsgeführten Ländern in den vergangenen Jahren immer wieder gezwungen war. Auch das Ergebnis liefe aufs Gleiche hinaus: permanente Verhandlungen, umständliche Kompromisse, unklare Verantwortlichkeit und Reformen, die den einen immer schon zu weit, den anderen nicht weit genug gingen.

Wenn eine Begründung für Gerhard Schröders Entscheidung zur Neuwahl überzeugt, dann ist es der Wunsch nach einem Ende dieser widerspenstigen Kooperation. Es wäre schon ein Treppenwitz der Geschichte, wenn das verfassungsrechtlich fragwürdige Projekt der erzwungenen Neuwahlen am Ende nur den unerträglichen Zustand verlängern würde, zu dessen Überwindung es erfunden wurde.

Der Union jedenfalls graut es davor – von Umfrage zu Umfrage ein wenig mehr. Vielleicht haben sich CDU und CSU zu schnell auf den klaren Wahlsieg eingestellt. Umso tiefer wäre die Frustration über ein Zwangsbündnis mit den Sozialdemokraten. Nach sieben Jahren endlich zurück an der Macht dürfte sich die Union um einen echten Neubeginn betrogen fühlen. Das Wahlversprechen ihrer Kanzlerkandidatin, sie wolle das Land "grundlegend anders" regieren, hätte sich in einer Großen Koalition von Beginn an erledigt.