Als ruchbar wurde, dass sich Vertriebsmanager von DaimlerChrysler wohl bereichert hatten, galt das noch als Einzelfall. Dass bei VW nicht nur einzelne Manager ein Netz von Tarnfirmen aufgebaut haben sollen, sondern der Konzern auch viel Geld für die Freizeitgestaltung des Betriebsrats ausgab und Personalchef Peter Hartz selbst im Strudel aus Pomp und Prostitution unterging – auch das wurde zunächst als Wolfsburger Kungelei von Kapital und Arbeit kleingeredet.

Zeitgleich geriet die ARD ins Visier, weil sich Sportjournalisten anscheinend ihre Liebe zu Randsportarten vergolden ließen und vor allem weil Programmgestalter ein blühendes Geschäft mit der Schleichwerbung aufzogen. Typisch öffentlich-rechtlicher Sumpf, oder?

un kommt der Fall Infineon dazu und macht die schönen Theorien hinfällig. Vieles spricht dafür, dass einer der wichtigsten Manager des Chipherstellers für die Verlängerung eines Vertrages mit einer Beratungsfirma private Zuwendungen kassierte. Und Infineon ist wirklich nie ein Hort der Verbrüderung von Graumännern und Blaumännern gewesen, sondern verschrieb sich – wenn auch bislang erfolglos – dem Aktienwert. All dies geschieht in einem Land, das sich lange Zeit für besonders sauber gehalten hatte. Hat es sich plötzlich zum Schlechten verändert, oder ist jetzt nicht mehr zu verbergen gewesen, was seit Jahren gang und gäbe war?

In Deutschland grassiert der K-Virus (Kumpanei, Korruption, Kriminalität) – nicht bloß in staatlich geschützten Nischen und auch nicht nur in börsenversessenen Milieus, sondern überall. "In vielen Firmen und Behörden ist Korruption gelebter Alltag", schreibt Deutschlands führender Antikorruptionskämpfer Wolfgang Schaupensteiner. Was noch schlimmer ist: "Die meisten Täter, etwa 70 Prozent, sind ohne Unrechtsbewusstsein." Schmiergeld heißt bei ihnen Beraterhonorar oder Motivationszahlung. Der Einzelfall vermag der Volkswirtschaft nichts anzuhaben, aber die Summe zermürbt sie – vor allem, wenn Chefs die Praxis verdrängen und verniedlichen.

Auf der Suche nach den Verantwortlichen muss man denn auch oben anfangen. Bei VW zum Beispiel, wo Peter Hartz seinen Leuten freie Hand ließ, wenn sie die Beziehungen des Konzerns zu seinen Betriebsräten pflegten. Und wer kann sich vorstellen, dass seine Vorstandskollegen nichts von den Reisen und Gelagen wussten?

In den Anstalten der ARD und bei ihren Programmlieferanten haben nicht bloß einige Mitarbeiter systematisch Schleichwerbung betrieben. Intendanten haben sie zumindest durch Wegschauen geduldet. Vielfach wurde das Budget für eine Sendung so eng bemessen, dass eine Redaktion mit Selbsterhaltungswillen gar nicht anders konnte, als ihren Sender zu prostituieren. Heute noch meinen einige Fernsehobere, dass ihre Leute für eine Berichterstattung über "das normale Maß" hinaus eine Gegenleistung erwarten dürften. Das klingt zwar nach Marktwirtschaft, ist aber doch nur eine Verachtung des Gebührenzahlers. Vielleicht sehen sich die Chefs als Pragmatiker, tatsächlich verspielen sie nur das größte Kapital des öffentlichen Fernsehens – seinen Ruf.

Stimmt der jüngste Vorwurf, hat der geschasste Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz für 259000 Euro seine Karriere aufs Spiel gesetzt. Mit Rationalität wäre das nicht zu erklären, es sei denn, solche Zuwendungen gelten weithin als Kavaliersdelikt. Schon voriges Jahr soll der Aufsichtsratsvorsitzende und Interimschef Max Dietrich Kley Hinweise erhalten haben, doch mussten erst die Staatsanwälte kommen, um den Verdacht zu untermauern. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen des darbenden Konzerns am Markt schneller sind als in der internen Aufklärung.

Infineon aber ist überall. Gerade weil sie ihr verschwiegenes System für besser hielten, haben sich die Deutschen nicht gewappnet. Ihre Manager wurden kaum in der Abwehr von Korruption geschult, die Konzerne vernachlässigten die Kontrolle. Jetzt holen die Unternehmen auf. Doch glaubwürdig können ihre hehren Absichten nur sein, wenn die Führungskräfte sie mit Leben füllen – sie sind nun einmal die Vorbilder.

Sonst bleibt die Wirtschaft unter dem Generalverdacht, der seit den Skandalen der New Economy gewachsen ist: dass Bereicherung in weiten Kreisen normal ist. Und nichts lässt die Hemmungen so schnell fallen wie die Überzeugung, dass die anderen es auch nicht besser machen.