Der gefragteste Mann auf Cape Canaveral war in den vergangenen Tagen ein Rentner. Der Nasa-Testingenieur Lloyd Pierce war aus dem Ruhestand zurückbeordert worden, um den nachgeborenen Ingenieuren zu erklären, wie die Anzeige für den Wasserstoffpegel im Außentank des Space Shuttle funktioniert, die er in den 70er Jahren entwickelt hatte. Am 13. Juli hatte der Fehler eines solchen Sensors zum Abbruch des ersten Startversuchs seit der Columbia-Katastrophe vor zweieinhalb Jahren geführt.Was die Ingenieure von ihrem Vorgänger erfuhren, dürfte sie wenig begeistert haben. Im Regelkreis der Tankanzeige, die bei falscher Meldung eine automatische Notabschaltung der Wasserstoffzufuhr auslöst, steckt ausschließlich analoge Technik aus der Blütezeit von Plattenspieler und Kassettenrecorder. Computerchips mit digital programmierbaren integrierten Schaltkreisen finden sich nicht. Deshalb war der Impuls eines Nasa-Managers auch gar nicht so dumm, als erste Maßnahme der Fehlerbekämpfung erst einmal an allen Kabeln zu wackeln. Analoge Geräte lassen sich auf diese Weise gelegentlich reanimieren. Ungeschickt war nur, diesen Vorschlag ausgerechnet vor den ausgestreckten Mikrofonen der versammelten Weltpresse zu machen. Der Spott ließ nicht lange auf sich warten.Während die unbemannten Forschungssatelliten der Nasa vom Mars-Rover bis zum Kometen-Beschuss einen Erfolg nach dem nächsten erzielen, macht die bemannte Raumfahrt seit Monaten nur Negativschlagzeilen. Jetzt rächt sich, was über Jahrzehnte das Erfolgsrezept der amerikanischen Raumfahrtagentur war. Nicht den Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern den besonderen Kitzel menschlicher Ausflüge ins All stellten die Nasa-Strategen in den Mittelpunkt ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Doch nicht erst seit der Columbia-Katastrophe wird zunehmend gefragt, was das teure und riskante Herumfliegen in der Schwerelosigkeit eigentlich soll.Bemannte Raumstationen umkreisen seit Jahrzehnten die Erde, auf dem Mond sind amerikanische Astronauten schon vor 36 Jahren umherspaziert und der vor fast 25 Jahren zum ersten Mal gestartete, wiederverwendbare Space Shuttle hat den einstigen Glanz verloren. Mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit seiner Passagiere von nur 56:1 ist er als Paradebeispiel für die Überlegenheit amerikanischer Ingenieurskunst ungeeignet. Doch genau dazu soll er eigentlich dienen. In der bemannten Raumfahrt geht es nur in zweiter Linie um die Beförderung von Mensch und Gerät ins All und wieder zurück. Ihren Jahresetat von 16 Milliarden Dollar bekommt die Nasa vor allem, um Amerikas Selbstbewusstsein zu fördern und seine Stärke zu beweisen.Selbst wenn der runderneuerte Shuttle am Dienstag beim nächsten Startversuch erfolgreich abheben sollte, ist sein Ende schon besiegelt. Spätestens 2010 ist Schluss mit der Raumfahrt in wiederverwendbaren Fahrzeugen. So hat es Präsident Bush im vergangenen Jahr angekündigt, und so plant auch Nasa-Chef Michael Griffin. Höchstens 28, wahrscheinlich aber deutlich weniger Flüge sollen Discovery, Atlantis und Endeavour bis dahin noch absolvieren, vor allem um die seit fünf Jahren als Fragment um die Erde kreisende Internationale Raumstation mit drei Jahren Verspätung doch noch fertig zu schrauben. Auch in Deutschland wartet man darauf. Fast 2000 Wissenschaftler haben Experimente für das Weltraumlabor Columbus vorbereitet. Doch die rund eine Milliarde Euro teure Forschungsröhre steht nach wie vor in einer staubfreien Halle beim Hersteller EADS Space Transportation in Bremen. "Nur ein Shuttle kann Columbus hinauf bringen", sagt der neue Firmenchef Evert Dudok. Auch hierzulande hatte man dem amerikanischen Raumgleiter blind vertraut. Jetzt soll er das Columbus-Labor auf seinem neunten Flug an Bord nehmen. Frühestens Anfang 2007 wird das geschehen. Oder auch gar nicht, wenn bei einem der acht vorherigen Shuttle-Flüge etwas schief geht. "Diese Abhängigkeit ist natürlich sehr unangenehm für uns", gibt Dudok zu. Während die Europäer drängeln, bekommt die Nasa aus Russland gut gemeinte Ratschläge. Wegen eines kleinen defekten Sensors müsse man doch nicht gleich in Panik verfallen, erklärte Roskosmos-Chef Anatoly Perminov. Er hätte den Start deshalb jedenfalls nicht abgebrochen. Gäbe es bei der Nasa einen ähnlich entscheidungsfreudigen Boss wäre die Entscheidung womöglich genauso gefallen. Doch seit der Columbia-Katastrophe ist die Führungsetage gelähmt. Gleich ein ganzes Dutzend Arbeitsgruppen von Ingenieuren fahndet derzeit nach der Ursache des Fehlers in der Tankanzeige. Entscheidungen über Starttermin und Verschiebung fallen dann nur noch in stundenlangen Konferenzen, auf denen über 100 Experten mitreden können. Einig waren sie sich in den vergangenen Monaten fast nie.Der neue Nasa-Chef Griffin wäre sicherlich froh, wenn unter seinem Vorgänger Sean O’Keefe vor zwei Jahren keine milliardenschwere Runderneuerung der überalterten und auf drei Expemplare zusammengeschmolzenen Shuttle-Flotte beschlossen worden wäre, sondern die schnelle Entwicklung eines Nachfolgers. Damit die bemannte Raumfahrt der USA nicht über Jahre komplett ausfällt, soll das sogenannte Crew Exploration Vehicle (CEV) nun im Eiltempo entstehen. Dabei dürfen sogar Europäer helfen. Beide Konsortien, die im Nasa-Auftrag am Design des CEV arbeiten, haben sich europäische Partner ins Boot geholt: Italiens Alenia die einen, die deutsch-französische EADS die anderen.Ihre ersten Entwürfe erinnern an das Konzept, mit dem schon Jurij Gagarin schwer durchgeschüttelt, ansonsten aber unversehrt aus dem All zurückkehrt ist: eine starke Einmalrakete mit einer Rückkehrkapsel an der Spitze. "Wir können, was Russland schon 1961 konnte" – als Belebungskur für die daniederliegende Nasa-PR dürfte sich so etwas kaum eignen.