Inmitten einer unversehrt gebliebenen preußischen Idylle, im Schloss Cecilienhof, begann am 16. Juli 1945 die Potsdamer Konferenz. Zwei Monate nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wollten sich die Großen Drei – US-Präsident Harry S. Truman, der britische Premier Winston Churchill und der sowjetische Diktator Josef Wissarionowitsch Stalin – über die künftige Nachkriegsordnung Europas verständigen. Aber es ging auch um Japan. Auf der anderen Seite dauerte das gewaltige Völkerringen ja an. Wohl war das fernöstliche Kaiserreich ausgeblutet und verwüstet, doch bezwungen war es noch nicht. Wie ließe sich ihm am besten der Fangstoß versetzen?

An jenem 16. Juli suchte Winston Churchill Truman in seinem "Kleinen Weißen Haus" in Babelsberg auf. Das Gespräch drehte sich vor allem um den pazifischen Kriegsschauplatz. Churchill bot dem Präsidenten britische Truppen an. Beide wussten, dass auch Stalin zum Eingreifen bereit war; drei Monate nach der Niederringung Deutschlands, so hatte er in Jalta zugesagt, werde er losschlagen. Truman zeigte sich dankbar für das großzügige britische Angebot, doch hoffte er, nicht darauf zurückkommen zu müssen. Zugleich sagten ihm seine Militärs, dass die Russen "nicht unentbehrlich" wären, um Japan niederzukämpfen. Daraufhin beschloss er, sie nicht zu bitten.

Harry S. Truman, der 33. Präsident der USA, hatte nämlich noch eine Trumpfkarte im Ärmel: die Atombombe. Für ebendiesen Tag – Montag, den 16. Juli 1945 – war der erste Atomversuch der Weltgeschichte anberaumt.

Die Story des amerikanischen Atomwaffenprogramms ist oft erzählt worden: Albert Einsteins Brief vom 2. August 1939 an Präsident Franklin D. Roosevelt, geboren aus der Sorge, dass Hitler an Atomwaffen arbeiten ließ; das Anlaufen des Manhattan -Projekts, das bis 1945 zwei Milliarden Dollar verschlang und ein Viertel der amerikanischen Stromerzeugung; das Bangen der Wissenschaftler, ob aus ihren Formeln und Labor-Experimenten sich tatsächlich die Waffe entwickeln ließe, die ihnen vorschwebte; schließlich ihre moralischen Skrupel, diese Waffe, wenn sie denn nicht nur ein wissenschaftliches Hirngespinst wäre, sondern funktionieren würde, wirklich einzusetzen.

Eine Armee von fünf Millionen Mann soll Japan erobern

Schon auf dem Schiff nach Europa hatte Truman gewusst, dass der entscheidende Versuch – Codewort "Trinity", Dreifaltigkeit – in einem abgelegenen Steppengelände der Air Force, nahe dem Städtchen Alamogordo im Bundesstaat New Mexico, unmittelbar bevorstand. Jetzt war es so weit.

Die Männer, die die Atombombe erdacht, erbaut und das erste Exemplar auf die Spitze eines 35 Meter hohen Stahlgerüsts montiert hatten, verbrachten eine unruhige Nacht: Robert Oppenheimer, Direktor des Bombenlabors Los Alamos; General Leslie Groves, der militärische Koordinator des Projekts, und sein Stellvertreter General Thomas Farrell; die Wissenschaftler Enrico Fermi, Hans Bethe, Edward Teller, Leo Szilard und eine Reihe ihrer Kollegen. Sie hatten Wetten auf die Sprengkraft der Bombe abgeschlossen. Teller tippte optimistisch auf eine Sprengkraft, die dem Äquivalent von 45.000 Tonnen Trinitrotuluol gleichkam, Bethe auf 8.000, Oppenheimer auf bloße 300 Tonnen. Alle waren nervös.

In Berkeley hatte der 1904 in New York geborene Oppenheimer Sanskrit studiert, auf seinem Schreibtisch lag stets ein abgegriffenes Exemplar der Bhagavad-Gita. In diesen Stunden trug er seinen Mitstreitern eine eigene Übersetzung vor: "In der Schlacht, im Walde, am Abgrund in den Bergen / Auf der dunklen großen See, inmitten von Speeren und Pfeilen / Im Schlaf, in der Verwirrung, in den Tiefen der Schande / retten den Mann die guten Taten, die er zuvor getan." Fermi sann laut darüber nach, ob die Bombe die Atmosphäre in Brand setzen werde und, wenn ja, ob dann nur New Mexico in Fetzen flöge – oder gleich die ganze Welt.

Um 5.30 Uhr in der Frühe wurde die Bombe gezündet, eine von dreien, die es bis dahin gab. Der Explosionsblitz durchzuckte das Morgengrauen und war noch in dreihundert Kilometer Entfernung zu sehen. Das Echo des Donnerknalls wurde in der Jornada del Muerto, dem Pfad des Toten, wie die Spanier die gottverlassene Gegend genannt hatten, vielfältig hin und her geworfen. Robert Oppenheimer, erleichtert, ergriffen und ehrfurchtsvoll, sagte schlicht: "It worked" – "Es hat funktioniert."

Zwei Bomben hatten die Amerikaner noch in ihrem Arsenal. Wenn auch sie funktionierten – ließe sich damit der Zweite Weltkrieg beenden?