Kondome, Eheringe, Drogenpäckchen - in der Toilette landet vieles, was dort eigentlich nicht hineingehört. So fanden Archäologen Anfang dieses Monats bei einer Ausgrabung auf dem Gelände der Universität Greifswald in einer Latrine wahrhaft seltsames: vier Bleisiegel des Papstes Bonifatius IX.

(1389 bis 1404).

Mit einiger Sicherheit landeten sie dort schon zur Regierungszeit Bonifatius'. Denn gebaut wurde der hölzerne Latrinenschacht um die Mitte des 14. Jahrhunderts, anschließend benutzten ihn die Anwohner für etwa 50 Jahre.

Damals waren es allerdings noch keine Studenten, die ihre Notdurft dort verrichteten. Die Universität Greifswald wurde erst 1456 gegründet, vorher standen auf dem Grundstück zwei Höfe.

Die kleinen Siegelstempel sanken mit ihrem Gewicht von je 50 Gramm bis auf den schlammigen Grund der Grube - zum Glück für die Archäologen, sonst wären sie bei der Entleerung zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit herausgefischt worden. Ursprünglich sollten sie die Echtheit von päpstlichen Dokumenten bezeugen und waren mit Hanf- oder Seidenfäden an den Pergamenturkunden befestigt. Auf der Vorderseite tragen die Siegel die Inschrift Bonifatius VIIII, auf der Rückseite zeigen sie die Apostel Petrus und Paulus. Doch an den Schriftstücken hingen sie wohl schon lange nicht mehr, denn sie lagen am Grund der Latrine ganz eng beieinander. Viel eher waren sie gemeinsam in einem kleinen Säckchen verwahrt, dessen Stoff sich jedoch in der Säure der Fäkalien schnell zersetzte.

Welchen Grund hätte ein Bürger des beginnenden 15. Jahrhunderts, vier Papstbullen in einem Säckchen aufzubewahren und sie in einer Latrine zu versenken? Wahrscheinlich handelt es sich um Diebesgut, mutmaßt der Grabungsleiter Jörg Ansorge. Mit den Bleiklumpen ließen sich Briefe des Papstes fälschen, sogar Urkunden bekamen mit dem entsprechenden Siegel Gültigkeit. Bonifatius selbst machte vor, wie sich die amtlichen Abdrücke in Geld umwandeln ließen. Munter setzte er sein Siegel unter Ablassbriefe, die Freigabe von allen Sünden versprachen. Der hat sich mit dem Ablasshandel eine goldene Nase verdient, sagt Ansorge. Wer immer nun die Siegel besaß, konnte diese zweitverwerten und es mit gefälschten Ablassbriefen dem Kirchenoberhaupt gleichtun.

Die heiße Ware brauchte nur einen Verwahrungsort. Vermutlich wähnte der listige Fälscher, der Latrinendeckel sei ein bombensicheres Versteck (ähnlich wie auch heute noch in vielen Spülkästen manche Kostbarkeit ruht). Dabei kam ihm zugute, dass die Abfallgruben im Mittelalter - wenn überhaupt - nur alle paar Jahre entleert und gereinigt wurden. Und da die Exkremente nicht wie heute mit Wasserdruck in Klärgruben weiterbefördert wurden, sondern direkt unter dem Sitz schwappten, mochte sich hier auch niemand lange genug aufhalten, um den Deckel einer eingehenden Inspektion zu unterziehen.