Der Skandal im Skandal

Die Familiengeschichte Samt und Seide im ZDF und die kurzlebige Magazinsendung Wellness TV haben eines gemeinsam. Sie waren Vorboten des jetzigen Schleichwerbeskandals , genau wie das Wirtschaftsmagazin WISO, die Serie Sabine und das ARD-Buffet. Mitten in den genannten – und noch mehr ungenannten – Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurde in den vergangenen Jahren unrechtmäßig für Milch, Medikamente oder Sparkassen geworben.

Seit Jahren häufen sich also die Manipulationen in Serien, Kindersendungen, TV-Filmen und Magazinen. Gemeinsam mit den jetzt aufgedeckten mehr als hundert Verstößen in den Serien Marienhof, In aller Freundschaft und im Tatort wird deutlich: In ARD, ZDF und ihren Tochtergesellschaften ist eine verlorene Generation am Werk.

Hier haben nicht nur einige Dutzend Manager der zweiten und dritten Reihe die Firmenwünsche ins Drehbuch geschrieben. Vielmehr haben Hunderte oder sogar Tausende in ARD und ZDF nichts dagegen getan. Denn wie einer der Verantwortlichen in der vergangenen Woche gegenüber dem Aufsichtsrat der Bavaria-Filmproduktion äußerte, gab es seit Mitte der achtziger Jahre ein wohlorganisiertes Geschäft mit Schleichwerbung . Andere in der ARD datieren den Beginn des inneren Verfalls in die neunziger Jahre. Wer kann da ernsthaft sagen, er habe nichts gewusst? Oder zumindest geahnt?

Die gefeuerten Manager sagen, die Aufregung sei nicht zeitgemäß, und verweisen auf die private Medienwirtschaft und deren systematische Vermischung von Werbung und Unterhaltung. Auf dem privaten Fernsehsender ProSieben ist im vergangenen Jahr die McDonald’s Chart Show, eine Musiksendung, gelaufen. Und vor wenigen Wochen zeigte RTL2 erst die Sendung Nutella – die Geburtstagsshow, weil der Brotaufstrich 40 Jahre alt wurde, und dann Die kultige Handyshow – O 2 can do. Daraufhin wurde der Sender von den zuständigen Landesmedienanstalten zwar sanft gerügt. Sanktionen blieben aber aus.

Warum also diese Aufregung um ein bisschen Schleichwerbung? Eines unterscheidet ARD und ZDF von privaten Medien: Öffentlich-rechtliche Sender haben einen Auftrag. Sie bekommen rund sieben Milliarden Euro jährlich, damit sie den Rundfunkstaatsvertrag erfüllen. Ihm zufolge muss das Programm objektiv und ausgewogen sein, damit es im Sinne "freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung" wirken kann. ARD und ZDF schwören in ihren Programmgrundsätzen auch noch, sie würden "journalistische und ethische Standards einhalten", "unabhängig auswählen" und "die Lebenswirklichkeit" einfangen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Medien eine bewusstseinsbildende Kraft besitzen. Im Fernsehen – und vor allem im Unterhaltungsprogramm – ist diese Kraft zu einem wesentlichen Teil suggestiv. Serien, Krimis und Fernsehfilme, vom Tatort bis zum Marienhof, erzählen Geschichten und vermitteln Stimmungen. Sie prägen durchaus Meinungen, wenn auch nicht auf die gleiche Weise wie eine Nachrichtensendung. Diese Macht sollen sie verantwortungsvoll einsetzen.

Insofern geht es um Bilder, die lügen, wenn vom Skandal beim Marienhof die Rede ist. Weil die Bilder im Auftrag von ARD und ZDF entstanden sind, erweckten sie den Eindruck, sie würden dem öffentlich-rechtlichen Auftrag genügen. Jetzt zeigt sich: Das Programm wurde gegen Bares wiederholt und dauerhaft zum Firmenfernsehen.

Die meisten Mitarbeiter der ARD werden die fatale Einflussnahme über die Jahre für sich abgelehnt haben. Aufgeschrien haben aber die wenigsten. Und wenn es etwa eine Redakteurin des Bayerischen Rundfunks doch tat, dann versickerte ihre Kritik in den oberen Hierarchien. Spätestens dieser Umstand macht die Ereignisse zu einem Lehrstück über die Unternehmenskultur in der ARD. Leitende Direktoren und diverse Intendanten haben über Jahre ein bemerkenswertes Desinteresse an den Tag gelegt. Auf diese Weise trugen sie dazu bei, eine Kultur der Duldung und des Wegschauens zu verbreiten.

Auch auf andere Weise förderten die Intendanten öffentlich-rechtliche Grauzonen: Sie dulden und verteidigen bis heute, dass ihre Redakteure Geld oder Sachleistungen von denen verlangen, über die sie berichten, wenn die Berichterstattung "das normale Maß" übersteigt. Wo soll man da die Grenze zur Käuflichkeit ziehen? Die Etats einzelner Sendungen wurden zudem systematisch so gering bemessen, dass die Redaktion nur die Wahl hatte, sich selbst zu verkleinern oder das fehlende Geld von außen zu beschaffen. Verantwortliche aus mehreren Sendern bestätigen dieses Prinzip. Dazu gehörte lange Zeit, dass Redaktionen ihren Etat mit 0190er-Nummern aufbesserten. All das laufen gelassen zu haben lässt sich mit einem unmoralischen Angebot aus den Chefetagen gleichsetzen.

Der Skandal im Skandal

Im Vergleich zu dem politischen Schaden für ARD und ZDF sind die Summen äußerst gering, für die so viele Täter und Mitwisser ihr Arbeitsethos hinter sich gelassen haben. Die ertappte Tochtergesellschaft Bavaria nahm über drei Jahre rund 1,45 Millionen Euro durch Schleichwerbung ein – bei einem Umsatz von zuletzt rund 250 Millionen Euro jährlich.

In der Privatwirtschaft gibt es durchaus erprobte Mittel, mit Krisen dieser Größenordnung umzugehen. Reue gehört nicht dazu. Aber ehrliche und öffentliche Einsicht sehr wohl. Insofern hätten die Intendanten die Chance, reinen Tisch zu machen. Doch an diesem Punkt zeigt sich, wie verloren die momentane ARD-Generation tatsächlich ist. Kein Intendant vermag bisher glaubwürdig einen Aufbruch zu formulieren.

Letztlich müsste die ARD die Krise nutzen, um eine Vision davon zu entwickeln, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der heutigen Medienlandschaft und unter den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten seine Existenz sichern kann. Jedes private Unternehmen mit mehr als 20000 Mitarbeitern hätte dafür einen Think Tank. Die ARD nicht, obwohl er heute nötiger wäre denn je.

Um die Öffentlich-Rechtlichen herum nimmt die Konzentration zu und damit die Gefahr von geringer Vielfalt und sinkender Freiheit in der Berichterstattung. Dafür sind die laufenden Verhandlungen zwischen dem größten Zeitungshaus (Springer) und dem zweitgrößten Betreiber privater TV-Sender (ProSiebenSat.1 Media AG) nur das aktuellste Beispiel. Gleichzeitig brechen um ARD und ZDF die Grenzen zwischen Werbung und Inhalt, Reklame und Popkultur zusammen.

Statt daraufhin durch Rückbesinnung auf ihren Auftrag mehr Profil zu gewinnen, ruinieren ARD und ZDF für ein Handgeld ihre Glaubwürdigkeit.