Als ich noch mehr als ein Jahr auf den Führerschein warten musste, wollte ich unbedingt ein Auto haben, wie Frank eines fuhr. Frank war einen Kopf größer und bestimmt doppelt so schwer wie ich – und er war doppelt so lässig.

Frank fuhr den Love Train.

Das war ein alter, roter VW-Bus, die kleinen Seitenfenster hatte er mit bunten Gardinen verhängt. Wenn meine Freunde und ich samstagnachts nach Hause gingen – die Straßenbahn fuhr nicht mehr, und ein Taxi war uns zu teuer –, sahen wir Franks Wagen manchmal irgendwo in der Stadt am Straßenrand stehen. Die Vorhänge zu, die Lichter dahinter schon aus, und alles was wir in diesem Augenblick dachten, kulminierte in den beiden Worten, die mit großen Buchstaben an der Fahrzeugseite klebten: Love Train.

Als mir die Autotestkoordinatorin der ZEIT den Honda FR-V schmackhaft machen will, fällt mir die Geschichte von damals wieder ein. Ein kleiner Kastenwagen, der aus der Masse der Minivans heraussticht? Kollegin S. hat leider keine Fotos bei der Hand, aber sie sagt, dass dieser Wagen was Besonderes sei. Der Honda habe außerdem drei Sitze. Vorne! Ich nehme ihn.

Tag 1. Wo ist die Handbremse? Damit der dritte Sitz vorne Platz hat, haben die Leute von Honda die Handbremse unten ans Armaturenbrett geschraubt. Man zieht an einer Art Stock, dann schiebt man ihn in die Mittelkonsole. Auf dem Monitor des Navigationssystems erscheint eine Warnung: Erst wenn ich den Text gelesen habe, darf ich losfahren. Ich drücke die OK-Taste.

Tag 2. Wir sind bei Freunden eingeladen. Sie wollen das Auto sehen. "Wo ist die Handbremse?", fragt M., als ich ihn ans Steuer lasse. Das Navigationssystem warnt: Erst lesen, dann losfahren. Ich drücke die OK-Taste, während M. mit der Handbremse hantiert. Das Auto begeistert ihn nicht: Die Lenkung sei schwergängig, sagt er, und der Motor viel zu laut.

Tag 3. Auf dem Monitor des Navigationssystems erscheint eine Warnung, die ich schon nicht mehr lese. Ich drücke die OK-Taste. Wir fahren aufs Land, ein Abend zu zweit, auf der Rückfahrt rutscht meine Frau auf den Mittelsitz, ich lege den rechten Arm um sie. So etwas geht in keinem anderen Auto, und während wir über die Autobahn fahren, bin ich der König der Straße. Bis wir Tempo 160 erreichen. Dann meldet sich das Armaturenbrett vorne links. Es ist ein unangenehmes Geräusch, fast wie ein Schwarm Wespen. Ich schlage mit der Faust auf die Verkleidung, das Geräusch bleibt. Erst als ich langsamer fahre, hört es auf. Meine Frau sitzt da schon wieder auf ihrem Sitz rechts außen.

Tag 4. Ich stelle die Sprache des Navigationssystems auf Italienisch. Die deutsche Frauenstimme klingt computeranimiert, die italienische dagegen weich und warm. Auf dem Display erscheint ein Text, den ich nicht verstehe. Ich drücke die OK-Taste. Girare a de stra. Mein Nachbar J. ist Halbitaliener, und ich begeistere ihn für eine Fahrt, indem ich vom dritten Sitz vorne schwärme und vom italienischsprechenden Navigationssystem. Später sagt er nur, die blaue Farbe des Hondas sei ja wohl extrem auffällig. J. ist ein höflicher Mensch.