ZEIT: …und wiederum mehr Zeit zum Lernen bleibt.

Helmke: Richtig. Auch dieser Punkt wird häufig unterschätzt. Es gibt große Unterschiede, wie viele effektive Lernmöglichkeiten Schülern zur Verfügung stehen, weil Lehrer Zeit verplempern. Manche Pädagogen brauchen Minuten, um von Gruppenarbeit auf eine Präsentation mit Folien umzuschalten.

ZEIT: Gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern? Geht es zum Beispiel in Baden-Württemberg stringenter zu, während in Nordrhein-Westfalen eher Laisser-faire vorherrscht?

Helmke: Auch das wissen wir nicht. Ich kenne jedoch sehr wohl einige Unterschiede zwischen unseren Lehrern und ihren Kollegen in Asien, genauer Vietnam, wo ich gelebt und geforscht habe. Dort wird fast keine Minute für etwas anderes als Unterricht verwendet. In der Summe bedeutet dies mehr Lernzeit.

ZEIT: Ist das der Grund, warum schon vietnamesische Grundschüler bessere Mathematikleistungen erbringen als ihre Münchner Alterskollegen, obwohl die asiatischen Schulen miserabel ausgestattet sind und die Lehrer mehr arbeiten müssen? Das haben Sie in Ihren Studien ja herausgefunden.

Helmke: Das ist ein Grund, aber nicht der entscheidende. Wichtiger ist der hohe Stellenwert von Bildung und Leistung in der ostasiatischen Gesellschaft. Da räumt die Familie den einzigen Tisch in der Hütte, damit das Kind seine Schulaufgaben machen kann. Umgekehrt wird von jedem Schüler erwartet, dass er sich enorm anstrengt. Zudem ist in Vietnam die Denkfigur der mangelnden Begabung unbekannt, die ja auch besagt, dass es einige Schüler nie schaffen können und Förderung hoffnungslos ist. In Vietnam kümmert sich der Lehrer um jedes Kind intensiv.

ZEIT: Die fachliche Ausbildung der Lehrer kann dort aber nicht so gut sein wie bei uns.

Helmke: Stimmt. Die Bedeutung des fachwissenschaftlichen Niveaus eines Lehrers wird allerdings überschätzt, gerade in Deutschland. Klar – über den Unterrichtsstoff müssen Lehrer im Bilde sein – das ist trivial. Ob sie selbst aber große Physiker oder Mathematiker sind, ist eher zweitrangig. Ein guter Lehrer muss nicht die neuesten Theorien seiner Disziplin kennen. Sehr wohl muss er aber von der Didaktik seines Fachs viel verstehen und über alterstypische Fehler und Missverständnisse im Bilde sein. Wenn dann noch Begeisterung für das Fach hinzukommt, ist das ideal, denn Schüler lernen an Vorbildern.

ZEIT: Wie können Lehrer diese Defizite beheben?

Helmke: Unterrichten ist keine Magie, sondern größtenteils Handwerk, in dem man stets dazulernen kann. Dafür muss man wissen, was falsch läuft. Genau da hapert es bei uns, weil viele Lehrer ihren Unterricht immer noch zur Tabuzone erklären. Dabei gibt es einfache Instrumente der Diagnose, zum Beispiel Videoaufzeichnungen.