ZEIT: Doch die muss der Lehrer ja anderen ebenso zeigen.

Helmke: Aber er kann, anders als beim gefürchteten Unterrichtsbesuch, dosiert vorgehen und nur das preisgeben, was er will. Das andere Diagnoseinstrument sind Rückmeldungen von Schülern. Sie können bei etwas Anleitung sehr wohl Hinweise geben, wo Lehrer ihren Unterricht verbessern können.

ZEIT: Da hört man die Lehrer einwenden: Alles schön und gut, wenn denn die Rahmenbedingungen endlich einmal besser würden, die Stundenbelastung niedriger, die Klassen kleiner…

Helmke: Ach, wissen Sie. Es ist ein nicht auszurottender Mythos, dass kleinere Klassen automatisch zu besserem Unterricht und höheren Lernergebnissen führen. Fast alle Studien haben belegt, dass dies nicht der Fall ist. Und zwar deshalb, weil Lehrer ihren Unterrichtsstil nicht ändern, wenn sie 15 statt 30 Schüler vor sich sitzen haben. Kleine Klassen sind ein Potenzial, das kaum genutzt wird.

ZEIT: Ist die Klassengröße also völlig egal?

Helmke: Für das Wohlbefinden des Lehrers spielt die Klassengröße sehr wohl eine große Rolle. Das muss man ernst nehmen. Unter anderem erhöhen große Klassen die Arbeit, etwa weil mehr Arbeiten zu korrigieren sind.

ZEIT: Ein besserer Unterricht ist also möglich.

Helmke: Unbedingt. Und zwar auch ohne dass sich die berühmten Rahmenbedingungen erst ändern müssen. Natürlich ist es förderlich, wenn die Klasse günstig zusammengesetzt ist. Natürlich fallen Veränderungen leichter, wenn das ganze Kollegium mitzieht. Aber notwendig, um den eigenen Unterricht zu verbessern, ist all dies nicht. Auf nichts haben Lehrer so viel Einfluss wie auf ihren Unterricht. Sie sollten ihn nutzen.

Das Gespräch führte Martin Spiewak