Sandras ägyptisches Leben neigt sich nach einem Vierteljahrhundert dem Ende entgegen. Es soll schnell gehen. Sie regelt ihre Angelegenheiten, und dazu hat sie sich in ein kleines Hotel in Downtown-Hurghada eingemietet. Das Erbe ihres verstorbenen Mannes besteht aus dem Haus und dem Boot - sowie Dauerärger bei Gericht und einem zähen Familienstreit. Die Karims, muss man wissen, sind eine mächtige und weit verzweigte ägyptische Familie, vielfältige Interessen verfolgend und sehr traditionell. Inzwischen hat Sandra das Haus verkauft, gegen den Widerstand ihrer Schwäger. Was die Familie genau will, ist schwer zu sagen, jedenfalls nicht dem Erlös auf Sandras US-Konto hinterherwinken. Jetzt bleibt noch das Boot.

Ich habe das Geld. Aber was bedeutet das schon in diesem Land? Im letzten Augenblick kannst du alles wieder verlieren. Ägypten hat sie widerstandsfähig, vielleicht sogar hart gemacht. Das Land hat sich in sie eingebohrt wie ein Ohrgeräusch nach dem Tauchen. Sandra Simpson läuft als Touristin verkleidet durch Hurghadas Straßen, mit T-Shirt und Basecap. Ihrer Kleidung nach ist sie schon zu Hause in Pennsylvania, eine schmale Yankee-Frau, gewohnt, sich unter widrigen Bedingungen zu behaupten. Arabisch redet sie nur, wenn es unbedingt sein muss. Dann laut. Ein kleines blaues Nokia-Handy mit einem baumelnden Freisprech-Mikro verbindet sie mit der Welt ihrer ägyptischen und amerikanischen Freunde. Im Grunde hasse ich Sonne, Wind, Sand, Surfen. Ich sehne mich nach Wäldern, wo ich wieder reiten kann, mit Regen und Matsch.

Alle Versuche, in den vergangenen Jahren über einen Makler Käufer zu finden, blieben erfolglos. Die Carin II, die Sandra an glücklichere Zeiten erinnert, die letzte Erinnerung an Mustafa, das Schiffskleinod, diese seltsame deutsche Legende, die eine Zeit lang ebenso seltsame deutsche Typen angezogen hatte, sie vergammelt langsam. Es ist keine Zeit mehr für Sentimentalitäten. Das Klima hat das Boot nicht verrotten lassen, eher mumifiziert. Der doppelte Rumpf ist unbeschädigt, innen Eichenholz diagonal, die Außenlage aus Rangoon-Teak kraweel geplankt: beste Arbeit.

Und doch, was für ein Unterschied zu 1937, als die in der kleinen Hamburger Schiffswerft Hermann Heidtmann gebaute Yacht für Aufsehen sorgte, weil niemand im Reich ein vergleichbares Boot fuhr. 1,3 fantastische Millionen Reichsmark hatte es gekostet, Görings Besatzung von der Marine-Luftwaffe trug blütenweiße Uniformen, im edelholzgetäfelten Salon regierte Kammerdiener Robert, und hinten in der Schlafkabine lagen immer der Diamantendolch, ein Geschenk Mussolinis, sowie die legendäre Mauserpistol e. Vorn an Deck unter einer Luke: der Jagdsitz. Ihn hatte sich der Reichsjägermeister ausdrücklich gewünscht - eigentlich nur eine flache Metallschale für jemanden, der sehr breit ist. Von dort aus schoss Göring auf Möwen, eigentlich ein Tabu für Seeleute.

Die Carin II empfing die Naziprominenz zu Kaffee und Kuchen, auf ihr soll die Umstellung der Luftfahrtindustrie auf Kriegsproduktion befohlen worden sein.

Die längste Zeit ankerte das Boot aber in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Gatow bei Berlin. Seit Kriegsbeginn lag es dann in Hamburg im Yachthafen Waltershof-Finkenwerder. 1945 übernahm es dort die Royal Navy. Aus der Carin II wurde die Royal Albert, die zum Flaggschiff der britischen Rheinflotte aufstieg und 1952 - in London war ein Thronfolger zur Welt gekommen - in Prince Charles umbenannt wurde. Sie fuhr von Krefeld aus zum Staatsbesuch in die Schweiz und war 1955 sogar Kommandoschiff der Briten beim ersten gemeinsamen Nato-Manöver Cordon bleu. Damals kam auch Adenauer zum Abendempfang auf Görings Yacht. Regelmäßig wurde sie von der königlichen Familie genutzt. Der ehemalige Koch erinnert sich, dass die Royals sich nach Frankfurt fliegen und dann mit dem Rolls-Royce nach Wiesbaden-Schierstein fahren ließen, dort aufs Boot, den Rhein hinauf bis Heidelberg oder runter bis nach Holland. Prince Charles, der Knabe, soll beim Kartoffelschälen besonders fleißig gewesen sein: was für unschuldige Zeiten.

Schwer zu sagen, was sich in all den Jahren an originaler Ausstattung erhalten hat. Heute lässt eigentlich nur noch der Salon etwas von der düsteren bürgerlichen Eleganz der Dreißiger ahnen. Jeder Besitzer bastelte an dem Schiff herum, vor allem Gerd Heidemann, der später behauptete, es restauriert zu haben. In Wirklichkeit leistete sich Heidemann einen neureichen Umbau mit viel Mahagoniholz. Sandra erzählt, dass viel vom alten Göring-Erinnerungskrempel, den sich Heidemann seinerzeit aus dubiosen Quellen zusammengekauft hatte, noch an Bord war, als sie und Mustafa das Boot ersteigerten. Inzwischen ist fast alles weg.