Zweimal hätten sich Reliquienräuber an der Carin II vergriffen, einmal Anfang der Neunziger, als jemand ins Boot einbrach, und dann wenig später noch einmal, als auch noch die Bilder der Yacht aus Sandras Apartment in Kairo gestohlen wurden. Jahre später gelangte Sandra dann bei einer Internet-Recherche auf die Website eines Antiquariats aus Galway, Irland.

Unter dem Titel The Carin Archive stand fast alles zum Verkauf. Sandra protestierte, das Archiv verschwand aus dem Netz. Doch nun ist es wieder da. Für einen Kunden, der ungenannt bleiben will, wird angeboten: Aschenbecher und Feldstecher, Teile der Bibliothek, Fotos, Gemälde, Logbücher sowie das berühmte grüne Sèvre-Porzellan mit dem goldenen Familienwappen des Reichsmarschalls. Und wer 48 500 Euro hat, kann sich den ganzen Kram per Mausklick in seinen Warenkorb legen.

Gemessen an der Gier, die das Auftauchen dieser Art von Memorabilien noch vor zwei, drei Jahrzehnten ausgelöst hätte, muss man feststellen, dass sich etwas verändert hat, zum Guten. Natürlich gibt es noch Kunden für so etwas, aber Sandra sagt, der Preis sei früher doppelt so hoch gewesen. Offenbar ist der Markt für Göring-Ware eingebrochen, und es würde die Carin II für einen Interessenten attraktiver machen, wenn sie endlich aus dem NS-Dunst heraustuckerte.

Ende der Fünfziger, da lief sie längst unter englischer Flagge, spukte der Name Göring noch einmal kurz umher, als vor Gericht über die privaten Vermögen der Naziführungsriege gestritten wurde. Der größte Teil des von Göring zusammengegaunerten Gutes war 1946 beschlagnahmt worden. Das so genannte Berliner Vermögen jedoch, im Wesentlichen Bargeld und Reichsschatzanweisungen, hatten die Briten 1945 nach Nordrhein-Westfalen verschafft. Seit 1957 klagte Witwe Emmy auf Rückgabe dieser Guthaben, mit der Begründung, Hermann sei in den letzten Kriegstagen vom Führer aus der Partei ausgeschlossen und zum Tode verurteilt worden - und damit Opfer des Regimes.

Zwei Jahre später erzielte sie einen Teilerfolg: Nachträgliche Vermögensenteignungen waren in NRW nicht mehr verfassungsgemäß, sodass ihr 150 000 D-Mark Bargeld, Schmuck sowie das Schiff zurückerstattet werden mussten. So lebte Emmy mit Tochter Edda, die später mit Gerd Heidemann liiert war, sorgenfrei in München. Die Carin II verkaufte sie 1960 für 33 000 Mark an jenen Bonner Druckereibesitzer, dessen Ehe leider schief ging. Der wiederum verscherbelte das Boot 16 Jahre darauf fürs Fünffache an Heidemann.

Damit beginnt die Wiedererfindung der Carin II als Naziboot. Über Heidemann ist viel spekuliert worden, er ist eine zwielichtige Figur und ein heilloser Fantast, aber er war auch einmal ein hervorragender Reporter. Beispielweise spürte er sehr früh der so genannten Rattenlinie nach, auf der, ausgestattet mit Rote-Kreuz-Pässen der katholischen Kirche, Schreibtischtäter und Henker in Richtung Argentinien geflohen waren. Alt- und Neonazis bildeten bald Heidemanns Entourage, warum, das bleibt sein großes Rätsel. Auf der Carin II empfing er ehemalige SS-Generäle und Sammler von Militaria. Auch die Spitzen des Gruner + Jahr-Verlages gaben sich die Ehre. Das hatte radikalen Schick und war politisch herrlich unkorrekt. Die frühen Achtziger waren eine verwirrte Zeit, Deutschlands Vergangenheit schien zu verblassen, und man konnte sich ihr überlegen fühlen, indem man mit dem Schrott der braunen Herrschaft spielte.

Heidemann wollte das Schiff für 1,3 Millionen Mark weiterverkaufen, fand aber keinen. Er lebte flott und war hoch verschuldet, träumte von versteckten Goldschätzen der Nazis und vom Bernsteinzimmer. Irgendwann traf er dann den Handschriften-Paganini Konrad Kujau und jubelte dem stern falsche Tagebücher des Führers unter, 60 Bände für 9,3 Millionen Mark. Am 25. April 1983 machte Europas größtes Magazin mit der größten Ente aller Zeiten auf. Heidemann wurde zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt, sechs Millionen des veruntreuten Geldes blieben bis heute verschwunden. Alle vier Safes auf der Carin II waren jedoch leer. Das Loch in Görings Originalschatulle schweißten später libysche Revolutionsgarden hinein.