Während der stern-Reporter emsig Görings Uniform bürstete, lebte Sandra Simpson in einer helleren, unschuldigeren Welt. In Paris Ende der Siebziger hatte die junge Sprachenstudentin den ägyptischen Erdölingenieur Mustafa Karim kennen gelernt. Der hatte in den USA studiert, war charmant und gebildet, Mutter Britin, Vater ein Pascha. Die Zeiten glaubten an den Fortschritt, mit etwas Glück konnten alle reich werden. Und Karim, der von den Provisionen großer Ölgeschäfte lebte, hatte Glück. Sie heirateten im Januar 1980. Sie gingen auf Reisen, genossen den Luxus Kairos und entdeckten Hurghada als Tauchparadies.

Eigentlich hatten sie schon eine Yacht. Aber die war ihnen zu groß. Der Sinn stand ihnen nach einem kleineren Holzboot, aber schöne Holzboote sind selten.

1985 machte sie ein Freund auf ein Schiff aufmerksam, das in Hamburg zur Versteigerung stand, weil jemand sich damit in ein großes Kuddelmuddel manövriert hatte. Im Dezember kauften Sandra und Mustafa die Carin II für 270 000 Mark. Niemand in Deutschland wollte das Skandalschiff haben. Sandra behauptet, sie hätten damals wirklich keine Ahnung gehabt, dass es sich um Görings Yacht handelte. Ein ganz neuer Lebensabschnitt sollte beginnen, für Paar und Schiff.

In Hamburg wird der stecken gebliebene Innenausbau beendet und die Elektronik erneuert. Das Schiff wird nach Spanien gefahren, anschließend verbringt das Paar ein halbes Jahr auf ihrer Yacht in Antibes.

Es ist der 28. Januar 1987. Sie nehmen Kurs auf Hurghada, wo Mustafa sein gesamtes Vermögen in ein Hotelprojekt gesteckt hat. Mit an Bord: ein belgischer Kapitän, eine belgische Steuerfrau und ein deutscher Mechaniker.

Mustafa hatte seiner Regierung ein riesiges Stück Wüste abgekauft, mit der Auflage, binnen dreier Jahre einen Hotelkomplex darauf zu errichten. Es soll die Altersversorgung werden. Ihr erster Stopp ist San Remo, von dort aus geht es über Gaeta nach Neapel. Sehr finstere Wolken kriechen über die Berge. Sie wollen wenigstens Kreta erreichen, der Wetterbericht beruhigt.

Am 6. Februar vermerkt das Logbuch der Carin II: Vorbei an Kap Vaticano in Richtung Messina. Ruhige See. Am 8. Februar notiert der Kapitän für sechs Uhr Windstärke sechs, um zehn Uhr schon sieben und um vier Uhr am Nachmittag Windstärke neun: Der Autopilot ist zusammengebrochen. Wellen schlagen über das Heck. Schiff außer Kontrolle. Wellen bis zu fünf Meter hoch. 9. Februar: Sehr raue See. 7.00 Uhr, Versuch, Kurs auf Griechenland zu nehmen, Schiff reagiert nicht.