Am folgenden Tag erhalten die Ramponierten Erlaubnis, sich in libysche Gewässer zu retten. In Bengasi werden sie verhört, erhalten aber auch Verpflegung und Werkzeug. Zunächst besteht Hoffnung, nach dem Unwetter die Reise fortsetzen zu können. Und dann scheint irgendetwas geschehen zu sein.

Unter dem 16. Februar steht im Logbuch: Ich kann das Verhalten von Ms Simpson nicht billigen, und ich fürchte, es wird uns alle in Gefahr bringen.

Die Besitzerin will das Boot verkaufen, nur findet sich niemand

Sandra spricht nicht gern über diese Tage. Die Revolutionären Garden nehmen ihnen die Pässe ab und stecken sie in ein Hotel in Bengasi. Karim schickt sofort ein Telegramm an Gadhafi. Es gibt Streit, die Crew kündigt, Karim nimmt die Bordkasse an sich. Man schafft sie in ein Hotel in Derna, dort gibt es Dauerverhöre. Am schlimmsten ist die Ungewissheit, Anklage wird nicht erhoben. Libyen gilt als gefährlicher Schurkenstaat, erst ein halbes Jahr zuvor hatte die amerikanische Luftwaffe Ziele in Tripolis und Bengasi bombardiert. Zur gleichen Zeit brachte die libysche Küstenwache ein kleines Schiff namens Silco auf, mit Franzosen an Bord. Auch dessen Crew verschwand im Land, verdächtigt als israelische Spione. Erst zweieinhalb Jahre später ließ der Revolutionsführer sie mit großer humanitärer Geste wieder frei. Kurz darauf gab die französische Regierung drei Mirage-Kampfjets an Libyen zurück, die zur Wartung nach Frankreich gebracht und dann beschlagnahmt worden waren.

Jedoch schien die Carin-Beute für Libyen wertlos zu gewesen zu sein. Nach dreieinhalb Monaten können die Belgier, der Deutsche und die Amerikanerin ausfliegen. Nicht so der Ägypter Mustafa Karim. Vom ersten Tag an hatte man ihn von der Gruppe getrennt, und keiner wusste, ob er noch lebte. Sandra sagt, ihr Mann habe damals zu den wenigen Ägyptern gehört, die wegen ihrer Ölgeschäfte nach Libyen reisen durften. Auch wäre es für Mustafas zerstrittene Familie mit ihren Verbindungen ein Leichtes gewesen, den Bruder aufzuspüren und freizubekommen. Aber für Karim rührte sich keine Hand.

Es dauerte länger als ein Jahr, bis sie sich wiedersahen. Endlich brachten sie das Schiff nach Hurghada und nahmen ihr Bauprojekt in Augenschein. Auf dem riesigen Areal standen Betonskelette. Die entscheidende Zeit, um das Projekt voranzutreiben, war verstrichen. Einen Teil des Landes griff sich die Regierung, sie ließ die Rohbauten wieder abreißen. Den anderen Teil griffen sich Mustafas Brüder. Im August 1993 starb Sandras Mann an Magenkrebs.

Das war's. Sandra Simpson suchte sich ein neues Leben in Kairo. Einen Käufer für das Schiff sucht sie immer noch. Die Carin II versank in ihren ägyptischen Dornröschenschlaf, von Sandstürmen umtost, mit schräg gestelltem Ruder an kurzer Ankerkette.