Tel Aviv

Der Farbenkrieg hat längst das ganze Land erfasst. Tel Aviver Modedesigner verkaufen schon seit Wochen kein Kleidungsstück mehr in Orange. Die Kunden fürchten, dass man sie sonst mit dem Antiabzugslager in Verbindung bringen könnte. Orange gehört in diesem Sommer den Siedlern und all jenen, die sich mit ihnen solidarisch erklären. Ihre grellen T-Shirts und Bänder an den Autoantennen signalisieren: Wir sind gegen den Rückzug aus dem Gaza-Streifen, gegen die Evakuierung der Siedlungen. Die Befürworter des so genannten Entflechtungsplans wiederum fahren mit blauen oder blau-weißen Bändchen durch die Gegend. Sie bilden eindeutig die kleinere Gruppe.

Doch der optische Eindruck täuscht. Die schweigende Mehrheit nämlich steht nach wie vor hinter Ariel Scharon, der fest entschlossen ist, demnächst die rund 8000 Siedler aus dem kleinen, von 1,4 Millionen Palästinensern bevölkerten Gaza-Streifen herauszuholen. Deren Enklaven liegen für die meisten Israelis ohnehin auf einem anderen Planeten. Was dort vor sich geht, wird in der Regel vom Fernsehsessel aus verfolgt.

Aus diesem Grund hat sich Yael Wexler, 38, aus Ra'anana mit Mann und fünf Kindern vor kurzem erstmals auf den Weg dorthin gemacht. Sie wollten sich selber ein Bild machen von der merkwürdigen Kriegszone, in der von der Armee geschützte Oasen des Wohlstands inmitten von Flüchtlingslagern existieren. Doch so sehr wir für den Abzug sind, sagt sie, kann man doch nicht einfach das Lebenswerk der Menschen missachten, die sich vor mehr als zwanzig Jahren mit der Unterstützung der Regierung im Gaza-Streifen angesiedelt haben. Die einstigen Helden seien plötzlich zu einer Last geworden. Dabei sei nur eine kleine Minderheit wirklich radikal.

Zum Statusverlust der Siedler trägt jedoch auch ihre eigene Kampagne bei, die vielen Angst vor bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen einflößt. Dazu gehört die wachsende Bereitschaft vieler Siedler, sich im Namen ihres Glaubens gegen die Gesetze des Staates aufzulehnen. Da rufen Rabbiner religiöse Soldaten dazu auf, sich dem Räumungsbefehl zu verweigern - da werden bei Straßenblockaden Öl und Nägel auf die Autobahn gekippt. Unpopulär sind aber auch Versuche, sich als Holocaust-Opfer zu stilisieren. Wenn sich ein Siedler heute einen orangefarbenen Davidstern an die Brust heftet oder seine Ausweisnummer auf den Arm malt, dann ruft das bei den meisten Israelis Empörung hervor.

Dass es dennoch viel mehr entschiedene Gegner als engagierte Befürworter des Abzugsplans gibt, liegt in der Natur der Sache. Doch nur die Siedler glauben, dass sich die Räumung des Gaza-Streifens im letzten Moment doch noch durch eine wundersame Fügung aufhalten ließe. Alle anderen haben sich längst damit abgefunden. Außerdem findet der Abzug nicht im Rahmen eines Friedensabkommens statt, dem die Menschen zujubeln könnten. Im Gegenteil: Die Anarchie in den Palästinensergebieten und der jüngste Raketenhagel der Hamas auf das israelische Städtchen Sderot verstärken nur Befürchtungen, dass sich die Sicherheitslage auch nach dem Abzug nicht unbedingt verbessern werde.

Nach Ansicht von Chaim Watzman, 49, der mit einem blau-weißen Band durch Jerusalem radelt, sprechen dennoch ganz praktische Gründe für die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen. Damit Israel ein demokratischer Staat bleiben könne, brauche er eine solide jüdische Mehrheit. Und die sei durch das Festhalten an den besetzten Gebieten infrage gestellt. Er hofft auch, dass der Abzug aus dem Gaza-Streifen nicht der letzte bleiben werde, doch sein alter Optimismus wurde durch die bitteren Erfahrungen der letzten zehn Jahre gedämpft.