Amerikanische Autofilme waren in der Regel Outlaw-Filme, deutsche Autofilme, so sie entstanden, Spießerfilme. Die ersten beiden Spielberg-Filme, Duell und Sugarland Express, sind weder das eine noch das andere. In der Fernsehproduktion Duell spielt ein monströser Truck verrückt, in Spielbergs erstem Kinofilm Sugarland Express (1974) zieht ein endloser Blechwurm hinter den verzweifelten Helden her. Beide Male haben sich Autos in Monster verwandelt, denen man beim Sterben zusehen kann. Die merkwürdige Poesie beider Filme aber entsteht durch etwas anderes: Spielberg inszeniert das Auto als Symptom des gestörten Raumes jenseits der gewohnten Räusche von Geschwindigkeit und Zerstörung. Bei ihm wird das Auto vom Requisit zum Wesen des familiären Dramas.

Die Geschichte geht auf einen "wahren Fall" zurück: Clovis (William Atherton) wird wegen eines kleinen Diebstahls ins Gefängnis gesteckt, seine Frau Lou-Jean (Goldie Hawn) gerät in Panik, als sie erfährt, dass ihr Baby zur Adoption freigegeben werden soll. Daher zwingt sie Clovis förmlich zur Flucht. Auf der Reise nach Sugarland in Texas, die im Auto eines streitsüchtigen Ehepaares beginnt, geraten sie in eine Kontrolle und nehmen einen jungen Polizisten als Geisel. Der merkt bald, dass er es nicht mit Verbrechern, sondern mit verzweifelten und überforderten Menschen zu tun hat. Er versucht vergeblich, ihnen zu helfen. Denn nun werden sie wegen eines Kapitalverbrechens verfolgt und haben eine Schlange von Polizeiautos, Journalisten und Neugierigen hinter sich. Die Öffentlichkeit ist auf der Seite des jungen Paares, und "Baby Langston" wird zum nationalen Symbol für verlorenes Familienglück.

Aber Spielberg bietet keine Frank- Capra-Lösung, weder gutmütiger Populismus noch Familiengeist können ein Happy End erzeugen. Wenn Lou-Jeans Vater über Megafon seinen Schwiegersohn anbrüllt: "Du taugst nichts und hast nie etwas getaugt", dann hat er damit die Innenseite einer Katastrophe bezeichnet, die sich mit der Konsequenz einer griechischen Tragödie oder der eines Western auf das blutige Ende zubewegt. Der Kameramann Vilmos Zsigmond entzieht seinen Bildern nach und nach die satten Farben des Beginns, während alle Bewegung zum Stillstand kommt. In Sugarland Express zeigt Spielberg die Wunde, die er in seinen späteren Filmen heilen wollte. Ganz gelingen konnte es ihm nie; noch in den sentimentalsten familiären Heilsbildern schimmert der Zorn und die Verzweiflung dieses Beginns durch.

Das Auto bei Steven Spielberg ist der sich bewegende Raum der Bewährung. Nicht im Haus, wo die Poltergeister drohen, und nicht in der Natur, wo alles trügerisch ist, sondern unterwegs im Auto kommen seine Familien zu sich. Im Guten wie im Bösen. Menschen in der Maske, genannt Automobil, sind nicht besser oder schlechter als Menschen in anderen Masken. Sie sind nur kinematografischer. Georg Seesslen

Leider ist uns in der Ausgabe 27/05 ein Zählfehler unterlaufen – die Nr. 21 fehlte. Deswegen finden Sie in dieser Ausgabe zum zweiten Mal die Nr. 24. Pardon!