Bald nach seinem neunzigsten Geburtstag ist Heinrich Schirmbeck vor wenigen Wochen gestorben, es wird ihn gefreut und auch mit einer gewissen Genugtuung erfüllt haben, dass zum Jubiläum eine kleine Kassette mit lange vergriffenen Werken von ihm erschienen ist, Werken aus den vierziger und fünfziger Jahren, als man ihn kannte, ihn las, ihn bewunderte, verehrte, sich über ihn ärgerte. Er hielt sich offenbar ungern zurück, unter den Nazis schon, die ihm kein Studium erlauben wollten, und danach genauso, wenn er gegen die Wiederaufrüstung, gegen die Nato und als alter Mann noch gegen Biermann zu Felde zog, als dieser den Büchnerpreis bekam, obwohl er, und das eben sprach in Schirmbecks Augen entschieden gegen ihn, den Golfkrieg befürwortet hatte.

Wenn also auf der einen Seite alles dafür hätte sprechen können, aus ihm einen der Kirchenväter der Friedensbewegung zu machen, so war doch seine grundsätzliche Attitüde, sein Stil gewissermaßen, derart, dass damit bei denen, auf deren Seite er im Grunde war, kaum Sympathien zu holen waren.

Sehr schön kann man das an seinem jetzt wieder zugänglichen Hauptwerk sehen, dem 1957 zuerst erschienenen ganz erstaunlichen Roman Ärgert dich dein rechtes Auge. Das Buch ist vieles in einem, erstens ein Wissenschaftsroman, in dessen Mittelpunkt ein berühmter französischer Physiker steht, dessen politische Ideen den Herrschenden so suspekt sind, dass sie ihn am liebsten mundtot machen würden, aber das geht nicht, er ist zu berühmt. Zweitens ist das Buch die von ihm selbst erzählte Geschichte der Entwicklung eines jungen Mannes, der aus einer sehr reichen, sehr dekadenten Familie stammt, die jetzt aber zugrunde geht, einerseits an Dekadenz, andererseits, weil sie sich im Krieg mit den Besatzern zu sehr eingelassen hatte. Drittens schildert das Buch, und wird dabei ein politischer Zeitroman mit utopischen Einschlägen, das Leben unter irgendwie totalitären Bedingungen, jedenfalls scheint in Paris, dort spielt das Buch, die Herrschaft der Deutschen nahtlos in die Herrschaft einer schwer fassbaren Gesellschaft übergegangen zu sein, man fühlt sich da ganz und gar an die Atmosphäre erinnert, die Ernst Jünger ein paar Jahre vorher in Heliopolis zu beschwören versucht hatte.

Man liest mit Staunen, mit Bewunderung und mit Abstand

Die Parallele zwischen Jünger und Schirmbeck ist ganz ungesucht, denn in vielen Partien ist Schirmbecks Buch auch so etwas wie ein Schlüsselroman, in dem nun, wo von dem Paris unter der Okkupation die Rede ist, ganz deutlich auch Ernst Jünger auftritt. In seinen Umbenennungen ist Schirmbeck ein bisschen preziös, selbst Paris darf nicht Paris heißen (es heißt Sybaris) und Jünger nicht Jünger, Picasso nicht Picasso, Sartre nicht Sartre und so weiter, aber alle tauchen sie auf und werden nahezu alle, und da setzt der Roman nun auf unbarmherzige Kulturkritik, ziemlich unsanft auf ihre allzu kurzen Beine gestellt. Unserer Lust an den schönen alten Legenden von dem Paris der Existenzialisten und seinen schwarzen schönen Sängerinnen wird hier vehement der Prozess gemacht, und zwar von einem Zeitgenossen, in dessen Augen nun Ernst Jünger kaum weniger ein Profiteur des allgemeinen Niedergangs ist als etwa Sartre oder Camus.

Der Blick solcher Augen ist nicht wenig befremdlich - ganz erstaunlich ist aber nun Schirmbecks Satzbau. Schirmbeck setzt nicht einfach herab, was ihm missfällt, er denunziert es nicht, sondern in hoch stilisierten Sätzen stellt er es nur in jenes metaphysische Licht, in das es für ihn gehört: Da steht es nun, nackt, bloß, aber doch auch nur wie eigentlich gar nicht gemeint, denn eigentlich gemeint ist das Licht, in dem es steht, und dem man ansieht, dass eigentlich etwas ganz andres darin stehen müsste, Wahrheit, Gott oder so etwas. Und das Witzige dabei ist eben, dass das alles so klingt, wie es bei Ernst Jünger klingen würde, wenn der etwa sein Heliopolis zu einem regelrechten Roman samt einer Erzählung seiner Jugend ausgebaut hätte und nicht eben überhaupt so viel weniger ein Intellektueller gewesen wäre als Schirmbeck.

Man liest das mit großem Staunen, mit Bewunderung auch, und man fühlt, ebenso beschämt wie auch wieder erleichtert, den gewaltigen Abstand, den wir zu solcher Haltung, ja, und nun weiß man nicht, ob verloren oder gewonnen haben.