Offensichtlich ist den Gegnern der Rechtschreibreform jede Posse recht. Wenige Wochen vor dem 1. August, an dem die neuen Regeln verbindlich in den Schulen eingeführt werden sollten, haben die Ministerpräsidenten der unionsgeführten Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen einen Aufschub beschlossen. Sie wollen warten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung, der seinen Abschlussbericht am 1. Juli vorgelegt hat, weitere Korrekturvorschläge unterbreitet. Um den vollen Irrsinn dieses Bremsmanövers zu begreifen, muss man sich vor Augen führen, wie lange die Debatte um Glanz und Elend der Reform schon währt. Es sind neun Jahre.

Vor neun Jahren hat die zwischenstaatliche Kommission der deutschsprachigen Länder in Wien ihre Reform vorgelegt. Vor neun Jahren begann der Streit um die Erleichterungen und Verschlimmbesserungen. In neun Jahren haben sich Widerstände formiert, Lager gebildet, sind Zeitungen (wie die FAZ) aus der Reform ausgestiegen oder haben ihre eigene Kompromissschreibung entwickelt (wie die ZEIT), Wörterbücher sind gedruckt und neu gedruckt worden, Linguisten haben ihren spitzfindigen Krieg geführt. Neun Jahre lang, mit anderen Worten, hatten die Landespolitiker Zeit, um sich darüber zu informieren, dass die Reform auf Widerstände stößt. Aber was haben die Politiker getan? Sie haben in der beschlussführenden Kultusministerkonferenz eisern zusammengehalten und erst in allerjüngster Zeit eine vorsichtige Reform der Reform auf den Weg gebracht. Einen Ausstieg oder auch eine Verschiebung des entscheidenden Stichtags haben sie niemals erwogen, jenes 1.

August des Jahres 2005, von dem an die Schüler die Reform nicht mehr nur üben, sondern im Diktat beherrschen sollen.

Und jetzt? Sollen Schüler in Bayern Schiffahrt (alt) schreiben und Schüler in Sachsen Schifffahrt (neu)? So wird es kommen, wenn die anderen Bundesländer bei ihrer Entscheidung zur Einführung der Reform am 1. August bleiben. Man könnte den föderalistischen Unfug als Verfassungsfolklore belachen, aber Föderalismus in der Lehrplangestaltung ist leider nicht zum Lachen. Denn wenn ein schulpflichtiges Kind das Bundesland wechselt, weil die Eltern in ihrer Arbeitsplatzwahl so flexibel sind, wie es die Politik von ihnen fordert, dann wird es die Regeln neu lernen müssen und irgendwann vielleicht noch einmal neu, und am Ende wird es sich womöglich gar nicht mehr auskennen.

Man kann die Reform mit guten Gründen ablehnen, kann sie auch für unerheblich halten, weil eine Sprache nicht an ihrer Orthografie hängt, aber für Schüler ist die Rechtschreibung erheblich. Mann kann Kinder nicht zu Geiseln einer populistischen Kehrtwendepolitik nehmen - das taugt im Übrigen nicht einmal für den Wahlkampf. Ein Bremsweg von neun Jahren Dauer ist niemals glaubwürdig. Die Landespolitiker müssen sich einigen, so oder so. Alles andere würde nur offenbaren, dass sie die Jugend, die ihnen angeblich so am Herzen liegt, in Wahrheit verachten.