Nur noch einen Blick ersehnt er von ihr, der Liebende, den ihre Augen verbrannt haben. Gambenklang folgt dem Gesang. Doch vergeblich. Von h nach b schneidet die Stimme, von h-Moll nach g-Moll die Harmonik, dann wird sie völlig bodenlos: kein Blick mehr. Fremdheit und Schmerz in jedem Ton. So etwas erklang vor 370 Jahren im römischen Palast des Kardinals Barberini.

Experimentalmusik am Tiber, die die spätesten Blüten der welkenden Madrigalkunst in eine neue Dimension wachsen ließ. Nur eine Gesangsstimme blieb, die Mehrstimmigkeit wurde von Gamben übernommen, die Chromatik mitunter noch über Gesualdo hinaus gesteigert.

So gewagte Stücke wie das von Michelangelo Rossi wurden inspiriert durch das Gambenensemble des Kardinals Barberini. Dieser Papstneffe förderte eine Kunstform, die keine Fortsetzung fand: eine Verbindung von neuem Sologesang und alter Polyphonie. Viel intimer und dichter als in der Oper, die sich gleichzeitig entwickelte, wurde da von Liebe und Schmerz gesungen. Oder gar nur gespielt, wenn die Gambisten ältere Vokalmusik auf den Lesetisch stellten. Dieser accademia delle viole durften nur geladene Kenner lauschen.

Ein Kardinalfehler, den jetzt die Edition Raumklang ausgleicht mit der wunderbaren Sammlung La Tavola Cromatica.

Die Sopranistin Evelyn Tubb lässt an Eindringlichkeit und Schlankheit an Claire Lefilliatre denken, singt aber um eine Spur subjektiver, mit dunklem Schmelz. Und Schmerz: Das Lamentum von Mazzocchi ist ungeheuerlich in seinen Extremen. Tubbs Nuancenreichtum macht selbst aus einem Strophenlied von Merula ein Drama. Produzent und Tonmeister Sebastian Pank stellt dabei - eine Seltenheit! - die Sängerin nicht vor, sondern zwischen die Instrumente. Das fördert den Genuss an der Mehrstimmigkeit und an den Gambisten.

Von Diskant bis Bass ist das sauber, klangvoll, atmet unablässig. Und keine Sensation wird verschenkt, etwa der brucknersche Sturz von es-Moll zu fis-Moll in einer Sonata von Buono. Fortschrittlich waren sie damals, rund um den Petersdom, dessen Chef selbst Textvorlagen für neue Musik lieferte. Zwar gibt es jetzt auch eine gelernte Gambistin im Vatikan. Aber nur, um dem neuen Papst den Haushalt zu führen. Jemand sollte ihm diese Platte schenken.

La Tavola Cromatica (Edition Raumklang rk 2302, www.raumklang.de)