Die Medizinstudenten der privaten Universität Witten/Herdecke umwehte stets der Hauch des Besonderen. Hier mussten einfach bessere Ärzte gedeihen. Handverlesen in Aufnahmegesprächen, die neben Intelligenz nach sozialen Fähigkeiten und Engagement forschten. Aufgeschlossene Geister, die zusätzlich zur Medizin im so genannten Studium fundamentale, "reflexive, kommunikative und künstlerische Kompetenz" erlernten. Dem Menschen und seinen Krankheiten näherte man sich nicht zerlegend über Physik, Chemie und Anatomie, sondern als ganzheitlichem Problemfall. In Rankings erhielten die Wittener Bestnoten.

Und jetzt das: Der Wissenschaftsrat hält es "für nicht länger verantwortbar, die Medizinerausbildung in der derzeitigen Form an der Universität Witten/Herdecke fortzuführen". Die Gutachter sehen nur zwei Möglichkeiten für die Universität: "Entweder entwickelt sie für die Humanmedizin eine grundlegende Neukonzeption, oder aber sie stellt sie vollständig ein." Umgehend trat Nordrhein-Westfalens Innovationsminister Andreas Pinkwart nach und machte darauf aufmerksam, dass er die strukturelle Unterfinanzierung der Hochschule nicht aus Steuergeldern ausgleichen könne. Den Wittener Medizinern droht der Absturz vom Olymp.

Der Wissenschaftsrat übt fundamentale Kritik am Studium fundamentale. Die Vermittlung kultureller Kompetenz gehe auf Kosten physikalischen, biologischen und chemischen Grundwissens. Dem Arzt aus Witten fehle es am wissenschaftlichen Rüstzeug, um sich in der Berufspraxis fortbilden zu können. Schwankende Ergebnisse im 2. Staatsexamen und ungewöhnlich hohe Abbrecherquoten wiesen darauf hin, dass die Auswahl hoch motivierter Studenten nicht funktioniere.

In gewisser Hinsicht wird Witten/Herdecke ein Opfer des eigenen Erfolgs. Denn das dort praktizierte "problemorientierte Lernen" galt vor Jahren als vorbildlich, 2003 wurde es in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen. Nur wurde amtlicherseits festgelegt, dass diese Lernform mehr Personal benötige. Weil die Professorendichte in Witten/Herdecke aber dünner ist als anderswo, fällt auch die Forschungsbilanz mau aus. So weit stimmt die Kritik des Wissenschaftsrats.

Nur: Ob die Wittener Absolventen am Ende tatsächlich schlechter sind als andere, steht nirgendwo in der Evaluation. Vielleicht sind die Ärzte aus Witten/Herdecke sogar besser, weil sie weniger zynisch, dafür menschlicher sind? Vielleicht bereichern sie die Krankenhäuser, weil sie nicht aus falsch verstandenem Gehorsam vor dem Chef katzbuckeln?

Solche Fragen stellt der Wissenschaftsrat nicht. Ihm geht es um die pure Wissenschaft, nicht um Patienten. So monieren die Gutachter, die Hochschule räume der Krankenversorgung vor Lehre und Forschung den Vorrang ein. Unter diesen Bedingungen könne eine qualitätsvolle Lehre nicht gedeihen. Das allerdings wäre zu beweisen.