Letzten Sonnabend in der Tapitas Bar hatte Herr Weber wieder was zu erzählen: Also, so eine Story! Da sieht er vormittags einen Harley-Fahrer in Schlangenlinien über die Veddeler Brückenstraße schieben. Der tätowierte Mann in typischer Kluft steuert kein Motorrad, sondern einen Einkaufswagen mit zwei Bierkisten drauf. Pass auf, ich helf dir, sagt der Wohnungsmakler, dem die Mieternachbetreuung Herzenssache ist. Aber diesen Mieter kennt er nicht - der wohnt, wie sich herausstellt, um die Ecke. Herr Weber trägt ihm die Kisten rauf. Das hätte der ja gar nicht mehr geschafft! Oben dann geht die Tür auf, und - Herr Weber fügt eine kleine Pause ein, um die Spannung zu steigern - da springen mir doch drei nackte Frauen entgegen! Er bekommt ein Bier angeboten und wird um Rat gefragt: Ob er wüsste, wo's hier ein Kosmetikstudio gebe?

Drei nackte Frauen wollen ins Kosmetikstudio!, Herr Weber sagt es nicht ohne Genugtuung, so was erlebst du nur auf der Veddel!

Die Veddel ist ein Stadtteil, den kaum ein Hamburger kennt - dabei liegt er im Zentrum, gleich südlich der großartigen Elbbrücken, nur zwei S-Bahn-Haltestellen vom Hauptbahnhof entfernt: ein Elbinselchen mit 4700 Bewohnern, eingefasst von Autobahn, Eisenbahn und Mülldeponie, ansonsten in allerbester Lage. Kraftvolle Backsteinarchitektur, über der ein Wasserflugzeug täglich seine Runden dreht, reizvoller Blick auf den Zollhafen hier und den Freihafen da - aber man hatte all das in den letzten Jahrzehnten irgendwie vergessen.

Die Veddeler Brückenstraße, die einst vierspurig und dicht befahren war, wurde quasi stillgelegt - die Geschäfte machten zu, die Bank verschwand, die Armut wuchs, Türken, Albaner, Afrikaner zogen her. Die wenigen Deutschen, die geblieben sind, erkennt man auf der Straße von weitem an ihren Flaschen. Von den 69 Stadtteilen Hamburgs liegt die Veddel auf Platz zwei beim Anteil der Sozialhilfeempfänger: Jeder fünfte Bewohner lebt vom Amt.

Seit einem Jahr geraten die Dinge nun in Bewegung, und Herr Weber ist nicht unschuldig daran. Getreu dem Motto Runter mit der Miete, rauf auf die Veddel vermittelt er im Rahmen eines städtischen Förderungsprogramms renovierte Wohnungen an Studenten - das Zimmer für 178 Euro warm. Über 250 angehende Akademiker sind inzwischen hergezogen. Gerade vergangenes Wochenende haben einige von ihnen in der früheren Türken-Gaststätte Umut das Kaffee Unmut eröffnet - mit geschenkten Möbeln charmant eingerichtet, ein Club ohne Klo noch, dafür kostet das Bier nur einen Euro. Schon hat der Dönerladen gegenüber angeboten, man könne auch da mal gehen, wenn man müsse. So unkompliziert ist Hamburg sonst nirgends.

Handkolorierter Würfelzucker hier, tiefgekühlte Kuhfüße da

In einem Viertel, dessen Gastronomie hauptsächlich aus undurchsichtigen Teestuben besteht, ist der Studentenklub ein Zeichen. Und es ist schon das zweite. Denn vor wenigen Monaten hat das Tapitas eröffnet, in dem Herr Weber seine Zuhörer so schön unterhält. Die spanische Bar wird von einem deutschen Ehepaar aus der Musikbranche betrieben, vorne gibt's Tapas-Teller und Cervesas, hinten alle paar Wochen neue Ausstellungen. Zur Zeit läuft Vergiss dein nicht von Julia Ziegenbein mit biografisch aufgeladenen Konserven und handkoloriertem Würfelzucker.