Washington

Irgendwann im Verlauf von Beziehungen, in denen einer mehr gibt als der andere, kommt der Moment der Prüfung. Es ist jener Augenblick, in dem die Umstände die Umkehr der Verhältnisse erzwingen und den Nehmenden zum Geben nötigen. Mag der Moment auch flüchtig sein, er kann zum Bruch einer Lebensbindung führen.

Karl Rove lernte George Bush vor 31 Jahren kennen, als er dem Studenten Bush im Auftrag des Vaters Autoschlüssel überbrachte. Seither hat Rove immer wieder Schlüssel für Bush besorgt, zweimal zur Gouverneursresidenz in Texas, zweimal zum Weißen Haus. Wie Bush sagt, ist Rove "der Architekt": Stratege aller Wahlkämpfe, Baumeister der Karriere. Rove hat Bush hochgebracht und, wenn nötig, rausgepaukt. Er ist – Spitzname vom Chef – das "Bubi-Genie", eine Anspielung auf messerscharfen Intellekt, der sich hinter jungenhaftem Mondgesicht verbirgt. Nie besaß ein Strippenzieher im Weißen Haus so viel Macht wie Rove. Sein Titel als Stellvertretender Stabschef verhüllt mehr, als er erklärt. Danach befragt, in welche innenpolitischen Fragen er sich nicht einmische, antwortet Rove: "In alle, die mit Baseball zu tun haben."

Und dieser Rove, Königsmacher und Großstratege, hat nun ein Problem, das, wenn überhaupt jemand, nur Bush lösen kann. Dem Präsidenten wird eine Loyalität abverlangt, die allein um einen politischen Preis zu haben sein wird. Rove ist plötzlich zur zentralen Figur einer Affäre avanciert, die seit zwei Jahren simmert. Wie so viele Probleme der Regierung Bush kreist auch dieses um den Irak-Krieg und dessen Vorgeschichte. Details sind weiterhin umstritten, so viel ist aber seit vergangener Woche klar: Karl Rove war jene Dreckschleuder im Weißen Haus, über deren Identität so lange gerätselt wurde. Er wollte einen Kritiker des Krieges ruhig stellen, indem er dessen Glaubwürdigkeit unterminierte. Dieser Mann, Botschafter Joseph Wilson, hatte das Weiße Haus öffentlich geziehen, es dramatisiere die Bedrohung durch Iraks Diktator. Rove schlug zurück, indem er den Kritiker wegen angeblich niederer Motive bei Reportern anschwärzte. Zudem verriet er Reportern, dass Wilsons Frau eine Undercover-Agentin der CIA sei. Ob Rove sich wegen Geheimnisverrats strafbar machte, versucht gerade ein Sonderermittler zu klären.

Der politische Schaden ist freilich längst angerichtet. Zwei Jahre lang hatte das Weiße Haus den Verdacht als "völlig absurd" bezeichnet, Rove könne "das Leck" sein. Und der Präsident erhöhte den Einsatz noch, als er im Juni 2004 ankündigte, er werden denjenigen im Weißen Haus feuern, der die Agentin enttarnt habe. Wird Bush also zu seinem Wort stehen oder zu seinem Freund?

Dass sich gerade Karl Rove schmutziger Tricks bedienen würde, überrascht niemanden. Er gilt geradezu als Meister einer Politik ohne Schienbeinschoner. Mit 20 entschuldigte er sich noch dafür. Damals, 1970, half er einem konservativen Kandidaten, indem er dem Gegenkandidaten Briefpapier stahl. Darauf lud Rove im Namen des Gegners zu einer Party ein. Es gebe "Freibier und Essen", auch "Unterhaltung und Mädchen" seien "umsonst". Drei Jahre später lernte er jene Bauernregel, die ihm im Weißen Haus nützlich werden sollte: Angriff ist die beste Verteidigung. Rove kandidierte als Präsident der konservativen Studentenvereinigung und verlor. Seine Unterstützer behaupteten, einzelne Delegierte seien nicht wahlberechtigt gewesen und erzwangen eine Neuwahl. Rove gewann. So dreckig war der Kampf um die Führung, dass der Parteichef schlichten musste. Der hieß George H. W. Bush.

Dem Senior gefielen die harten Bandagen des jungen Rove so sehr, dass er ihn anheuerte. So kam Rove nach Texas, wo er eine Firma für Politikberatung gründete. Wie Roves Biografen in Boy Genius schreiben, zeichnete er "die politische Landkarte von Texas neu, indem er skrupellos und methodisch die Demokratische Partei von oben bis unten ausmerzte". Seit hundert Jahren kannte Texas keinen republikanischen Gouverneur mehr. Nur 21 von 181 Abgeordneten waren Konservative. Heute gehört Texas quasi den Republikanern. Größere Kräfte waren am Werke als die Wahlkampfmaschine des Karl Rove, eine kulturelle Transformation des ganzen Südens nämlich. Aber wie niemand sonst beschleunigte Rove in Texas diesen Wandel.