Josef Burg wurde im Jahre 1912 am Rande der Karpaten, in Wischnitz, geboren, zog dann nach Czernowitz, wo er heute nach einer langen Odyssee noch immer lebt und schreibt: der letzte lebende jiddische Dichter. Seine Kindheit im Habsburgerreich war geprägt von Legenden, Legenden von Hirten, Holzfällern und von Flößern, wie sein Vater selbst einer war. Flößer auf dem Tscheremosch, einem Fluss, der aus den Karpaten kommt und durch Wischnitz fließt.

Josef Burg ist ein Erzähler chassidischer Geschichten, und seine Bücher sind von einem chassidischen Geist durchdrungen, der von Einfachheit, dem Gefühlsmäßigen in der Religion und großer Naturverbundenheit geprägt ist. Er hat ein schwieriges und verwirrtes Leben geführt, in vielen Ländern und vielen Sprachräumen gelebt, aber nie sein Jiddisch verraten.

Czernowitz war in der Habsburgermonarchie ein Ort, an dem die Judenemanzipation so weit gediehen war, dass die Juden sich dort zu Hause fühlten, ganz so, als ob der alte jüdische Traum einer nationalen Heimstatt, eines "Jerusalem am Pruth", erfüllt gewesen wäre.

Vor einem Jahr habe ich den 92-jährigen Josef Burg in Czernowitz besucht. Hoch gewachsen, weißhaarig, wirkte er greisenschön auf mich und schien mir die "Gesprächskunst", wie sie vermutlich in den Berliner Salons um 1800 gepflegt wurde, zu beherrschen. Man kann sich an den Mythos vom Salon und an die jüdischen Salons in Berlin erinnern, in denen Juden, Gelehrte, Adlige und Künstler zusammenfanden.

Josef Burg ist frei von Eitelkeit und hat auch in der Konversation nur die Idee oder die Verständigung im Auge, bei völliger Zurückstellung seiner Persönlichkeit. Solchen Menschen zuzuhören ist ein Glück. Sein jetzt vorliegendes und dankenswerterweise in einem kleinen Verlag auch ins Deutsche übertragene Buch Sterne altern nicht enthält Legenden über die Karpaten, Berichte über das jüdische Leben in der Bukowina und die jiddische Sprache und Kultur. Er erinnert uns daran, dass Jiddisch aus dem Mittelhochdeutschen stamme und dass zum Beispiel auch Marc Chagall, der berühmte Maler, Gedichte in Jiddisch geschrieben habe. Die jiddische Literatur ist eine eigenständige nationale Literatur wie die ukrainische oder rumänische. Doch seit den dreißiger Jahren geriet diese Literatur in Isolation und führte eine Untergrundexistenz. Es war eher eine Insel, obwohl die Schreibenden nie die Bindung an die große Tradition der deutschen Literatur gelöst haben.

Josef Burgs Mutter ist 1941 nach Transnistrien verschleppt und dort begraben worden. Er ist der einzige Überlebende seiner großen Familie. Der größte Teil der "Ostjuden", sagt er, habe sein Überleben der Sowjetunion zu verdanken, in die er vor den Nationalsozialisten geflohen war.

Burgs "Verirrtsein in der Welt" nahm seinen Anfang mit der Flucht aus der Ukraine, in die er erst 1959 zurückkehrte. An die Zeit in der Sowjetunion will er nicht mehr denken. 40 Jahre verbrachte er dort und konnte zwischen 1940 bis 1980 kein Buch schreiben. Er arbeitete hauptsächlich als Lehrer in der Nähe von Moskau und in Mittelasien.

Paul Celan, der auch seine Mutter im Holocaust verloren hatte und dem zu Ehren vor ein paar Jahren ein Denkmal in Czernowitz errichtet wurde, schrieb an die über 90-jährige Religionsphilosophin Margarete Susman eine Zeile, die auch auf Burg gemünzt sein könnte: "Der neunzig- und über-jährigen Augen, halb seherisch, halb betrogen … unendliche Staubsäule, auch das, weiß werdende, heißt es tragen." Weiß ist eine Farbe des Todes. Es war ein Abschiedsgedicht, das er ein Jahr vor ihrem und fünf Jahre vor seinem Tod geschrieben hat.