Der Sommer ist noch groß, doch der Herbst unseres Missvergnügens wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Neue Gesichter wird er an die Macht bringen, begleitet von gemischten Gefühlen im … nein, schon lange nicht mehr Überbau – im intellektuellen Seitenflügel der Republik.

Die alten Rabauken der Macht kannten wir gut, haben sie früher in der Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung im Keller in aller Gemütsruhe im Spiegel blättern sehen und kennen viele, die einen kennen, der damals im Wendland mit dem Kanzler unterwegs war. Was immer die Rabauken inzwischen verbrochen haben mögen: Sie waren Geschichte von unserer Geschichte. Waren Gegenkultur, die zu unser aller Überraschung plötzlich Limousine fuhr. Das ist nun bald vorbei. Die Neuen mögen das Zeug dazu haben, Deutschland zu retten, wer weiß das schon, aber sicher wissen wir: Ihre Geschichten sind uns fremd, ihre Gesichter erzählen uns nichts, ihre Aprikosenjacketts gefallen uns nicht, über ihre Witze, falls sie überhaupt welche machen, können wir nicht lachen.

Das sind gute Nachrichten für die Literatur. Denn ihr ist die diffuse Kuschelstimmung, die Wellness-Zone des Vorpolitischen, aus der sie in der rot-grünen Republik keinen Anlass fand herauszutreten, nicht bekommen. Ihr Rückzug in die ästhetische Ich-AG, in den ganz im Stillen, ganz im Privaten, ganz im Lautlosen, im Stillosen agierenden Text, ist oft genug und spätestens nach jedem Klagenfurter Wettbewerb wieder von neuem beklagt worden.

Jede Zeit bekommt die Literatur, die sie verdient hat. Die rot-grüne Literatur war eine Literatur der Spannungslosigkeit auf hohem Niveau. Eine melancholische, feinsinnige Literatur, die ihre Unmündigkeit kultivierte, solange Papa in Berlin den Laden schmiss. Und weil für Papas Generation Engagement Pflicht war, verging die rot-grüne Ära, ohne nennenswerte Beispiele engagierter Kunst hervorgebracht zu haben. Das Genre war ja schon besetzt und in guten Händen, in den Händen der Macht.

Sie haben es schwer, die jungen Literaten. Egal, ob relevanter, sozialistischer oder sonstiger Realismus, noch immer tragen solche ästhetischen Revolutionen Papas guten Ausgehanzug. Das Neue kann jedoch unmöglich das Alte sein. Jetzt dürfen wir auf das Unvorhergesehene hoffen: Mamas Aprikosentrikotagen wird sich kein Autor, der noch bei Sinnen ist, umhängen lassen.