Aus dem Alten Testament sind uns die Geschichten der jüdischen Erzväter überliefert. Doch wer vermag schon zu beurteilen, was Abraham und Isaak, Jakob und Samuel wirklich gefühlt haben? Nu, Jakob zeigte zweifellos vollendete Jünglingsmanieren, als er am Brunnen um "Fräulein Rachel" warb, und Samuel, an dessen Wiege ein Engel im göttlichen Tanach blätterte, ließ sein Leben lang nicht von der Prophetie, obwohl sie ihn augenscheinlich "wie ein Weib, das schreit und schilt", zu schikanieren pflegte. Überflüssig zu sagen, dass sie alle jiddisch oder auch, wenn der Anlass es erforderte, dajtschmerisch sprachen, eine ans Hochdeutsche angelehnte, "kultiviert" klingende Form des Jiddischen. Denn sie stammen aus der Feder Itzik Mangers, eines der größten Dichter jiddischer Sprache im 20. Jahrhundert.

Die Auslegung Itziks, eine 1935 in Warschau publizierte Sammlung von Fünfbuchgedichten, gehört heute gemeinsam mit den Megille-Liedern (1936) und dem Roman Das Buch vom Paradies (1939) zu den humoristischsten und populärsten Werken des 1901 als Sohn eines armen Czernowitzer Schneiders geborenen Itzik Manger. Die eigenwillige Exegese der heiligen Schriften, die Itzik in diesen liedhaften Bibelminiaturen betreibt, galt seinerzeit unter orthodoxen wie auch linksliberalen Juden als unannehmbares Sakrileg oder als Produkt einer allzu vulgären Jiddischkeit (selbst der Seelenbruder Chagall mochte sie nicht illustrieren). Die Übertragung der Bibelgestalten in ein osteuropäisches Schtetl um die Jahrhundertwende und deren Darstellung als volkstümliche, von Leidenschaften bewegte und schelmisch-aufbegehrende Juden erzählt zugleich viel von dem kulturellen Milieu der galizischen und polnischen Juden in Mangers Zeit.

Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie nahmen die rumänischen Repressionen und der in Polen aufkommende Faschismus zu. Mangers Entscheidung, auf Jiddisch zu dichten, war in diesem Zusammenhang weniger Programm denn Intuition. Eine Intuition, die seinem Werk erst jene tragisch-sentimentale Heiterkeit, jene düster-melancholische Chromatik und impressionistische Sinnlichkeit verleiht, die es zu einem einzigartigen Resonanzraum der Leiden und Hoffnungen seiner Zeit werden ließen. Dabei ist seine Poetik – "Synthese von Musik und Vision" – so jüdisch wie universell.

Die beiden 1937 erschienenen Gedichtbände Welwl Sbarzer schreibt Briefe an Malkele die Schöne und Dämmerung im Spiegel, eine Art Diptychon, bringen die Ethik des Autors gleichsam einmal in Dur und einmal in Moll zu Gehör: Sich unmittelbar "verschenken" und dabei "den Augenblick der Schönheit wiederherstellen", das sind die Vorzeichen, unter denen Manger eine bis zum kleinsten Atom beseelte Welt besingt, sie im Lobpreis auf ihre Lebendigkeit gleichsam noch einmal erschafft.

Doch immer wieder mischt sich in diese mit scheinbar leichter Hand illuminierten Verse eine Selbstironie, die den blau-goldenen Traum von der Erlösung verdunkelt: Armut und Bedrückung, Auswanderung und Exil – die fortschreitende Entzauberung der jüdischen Welt durch die unaufhaltsam einbrechende Geschichte ist nicht mehr zu übersehen. 1938 endet Mangers zehnjähriger Aufenthalt in Warschau mit der Ausweisung aus Polen. Alle Versuche, nach Palästina oder nach Amerika zu gelangen, schlagen fehl; stattdessen beginnt eine von Krankheit und Entbehrungen geprägte Irrfahrt, die ihn über Paris, Marseille und Nordafrika schließlich nach London führt. Die in Wolken über dem Dach (1942) versammelten Gedichte und Sonette dokumentieren die Einsamkeit und Trostlosigkeit dieser Periode, in der sein Bruder Notte nach Samarkand verschleppt, der Vater und die Schwester nach Transnistrien deportiert wurden. Die ursprüngliche, vom Numinosen durchatmete Schönheit seiner Bilder vermag der Dichter angesichts des Vernichtungswahns im "deutschen Mörder- und Irrenhaus" kaum noch zu schützen.

Manger ergibt sich der Trunksucht und der Depression, steht kurz davor, der "unglücklichen Trance, die mich in die jiddische Kultur hineingeschleppt hat", ein Ende zu machen und sein bisheriges Werk zu annullieren, als ihm 1951 endlich die Einreise in die USA bewilligt wird. Dort stößt sein Werk auf ein enthusiastisches Echo. Doch bis hin zu seinem letzten, zwei Jahre vor seinem Tod in Gedera veröffentlichten Gedichtband Sterne im Staub (1967) zeugen seine späten Lieder von einem, dem das "Wunder" unwiderruflich zur "Wunde" wurde.

Dass nun erstmals eine breite Auswahl von Mangers Gedichten in einer zweisprachigen Ausgabe erscheint, ist kaum hoch genug einzuschätzen, auch wenn die Übertragungen von Efrat Gal-Ed unter anderem aufgrund ihrer großen Treue zum Original mitunter etwas holprig wirken. Der Gedichtband bleibt dennoch eine Entdeckung, nicht zuletzt, weil Manger auch per CD so zur Geltung kommt, wie es ihm und seiner Sprache gebührt: als Sänger jiddischer "Wortkonzerte".